Автор : фон Гёте Иоганн Вольфганг Название книги: Der Mann von f?nfzig Jahren Читать на сайте: https://mir-knigi.org/author/fon-gete-iogann-volfgang/der-mann-von-fnfzig-jahren Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie, seine Nichte, stand schon, um ihn zu empfangen, au?en auf der Treppe, die zum Schlo? hinauffuhrte. Kaum erkannte er sie; denn schon war sie wieder gro?er und schoner geworden. Sie flog ihm entgegen, er druckte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters, und sie eilten hinauf zu ihrer Mutter. Der Baronin, seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und als Hilarie schnell hinwegging, das Fruhstuck zu bereiten, sagte der Major freudig:»Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen, da? unser Geschaft beendigt ist. Unser Bruder, der Obermarschall, sieht wohl ein, da? er weder mit Pachtern noch Verwaltern zurechtkommt. Er tritt bei seinen Lebzeiten die Guter uns und unsern Kindern ab; das Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir konnen es ihm immer geben: wir gewinnen doch noch fur die Gegenwart viel und fur die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein. Da ich zunachst meinen Abschied erwarte, so sehe ich doch wieder ein tatiges Leben vor mir, das uns und den Unsrigen einen entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir sehen ruhig zu, wie unsre Kinder emporwachsen, und es hangt von uns, von ihnen ab, ihre Verbindung zu beschleunigen.» «Das ware alles recht gut«, sagte die Baronin,»wenn ich dir nur nicht ein Geheimnis zu entdecken hatte, das ich selbst erst gewahr worden bin. Hilariens Herz ist nicht mehr frei; von _der_ Seite hat dein Sohn wenig oder nichts zu hoffen.» «Was sagst du?«rief der Major;»ist's moglich? indessen wir uns alle Muhe geben, uns okonomisch vorzusehen, so spielt uns die Neigung einen solchen Streich! Sag' mir, Liebe, sag' mir geschwind, wer ist es, der das Herz Hilariens fesseln konnte? Oder ist es denn auch schon so arg? ist es nicht vielleicht ein fluchtiger Eindruck, den man wieder auszuloschen hoffen kann?» «Du mu?t erst ein wenig sinnen und raten«, versetzte die Baronin und vermehrte dadurch seine Ungeduld. Sie war schon aufs hochste gestiegen, als Hilarie, mit den Bedienten, welche das Fruhstuck trugen, hereintretend, eine schnelle Auflosung des Ratsels unmoglich machte. Der Major selbst glaubte das schone Kind mit andern Augen anzusehn als kurz vorher. Es war ihm beinahe, als wenn er eifersuchtig auf den Begluckten ware, dessen Bild sich in einem so schonen Gemut hatte eindrucken konnen. Das Fruhstuck wollte ihm nicht schmecken, und er bemerkte nicht, da? alles genau so eingerichtet war, wie er es am liebsten hatte und wie er es sonst zu wunschen und zu verlangen pflegte. Uber dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst ihre Munterkeit. Die Baronin fuhlte sich verlegen und zog ihre Tochter ans Klavier; aber ihr geistreiches und gefuhlvolles Spiel konnte dem Major kaum einigen Beifall ablocken. Er wunschte das schone Kind und das Fruhstuck je eher je lieber entfernt zu sehen, und die Baronin mu?te sich entschlie?en, aufzubrechen und ihrem Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen. Kaum waren sie allein, so wiederholte der Major dringend seine vorige Frage; worauf seine Schwester nach einer Pause lachelnd versetzte:»Wenn du den Glucklichen finden willst, den sie liebt, so brauchst du nicht weit zu gehen, er ist ganz in der Nahe: dich liebt sie.» Der Major stand betroffen, dann rief er aus:»Es ware ein sehr unzeitiger Scherz, wenn du mich etwas uberreden wolltest, das mich im Ernst so verlegen wie unglucklich machen wurde. Denn ob ich gleich Zeit brauche, mich von meiner Verwunderung zu erholen, so sehe ich doch mit einem Blicke voraus, wie sehr unsere Verhaltnisse durch ein so unerwartetes Ereignis gestort werden mu?ten. Das einzige, was mich trostet, ist die Uberzeugung, da? Neigungen dieser Art nur scheinbar sind, da? ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt, und da? eine echte, gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich selbst oder doch wenigstens mit einiger Beihulfe verstandiger Personen gleich wieder zuruckkommt.» «Ich bin dieser Meinung nicht«, sagte die Baronin;»denn nach allen Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefuhl, von welchem Hilarie durchdrungen ist.» «Etwas so Unnaturliches hatte ich ihrem naturlichen Wesen nicht zugetraut«, versetzte der Major. «Es ist so unnaturlich nicht«, sagte die Schwester.»Aus meiner Jugend erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft fur einen alteren Mann, als du bist. Du hast funfzig Jahre; das ist immer noch nicht gar zu viel fur einen Deutschen, wenn vielleicht andere, lebhaftere Nationen fruher altern.» «Wodurch willst du aber deine Vermutung bekraftigen?«sagte der Major. «Es ist keine Vermutung, es ist Gewi?heit. Das Nahere sollst du nach und nach vernehmen.» Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der Major fuhlte sich, wider seinen Willen, abermals verandert. Ihre Gegenwart deuchte ihn noch lieber und werter als vorher; ihr Betragen schien ihm liebevoller, und schon fing er an, den Worten seiner Schwester Glauben beizumessen. Die Empfindung war fur ihn hochst angenehm, ob er sich gleich solche weder gestehen noch erlauben wollte. Freilich war Hilarie hochst liebenswurdig, indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu gegen einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das innigste verband; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele. Der Garten war in seiner vollen Fruhlingspracht, und der Major, der so viele alte Baume sich wieder belauben sah, konnte auch an die Wiederkehr seines eignen Fruhlings glauben. Und wer hatte sich nicht in der Gegenwart des liebenswurdigsten Madchens dazu verfuhren lassen! So verging ihnen der Tag zusammen; alle hauslichen Epochen wurden mit der gro?ten Gemutlichkeit durchlebt; abends nach Tisch setzte sich Hilarie wieder ans Klavier; der Major horte mit andern Ohren als heute fruh; eine Melodie schlang sich in die andere, ein Lied schlo? sich ans andere, und kaum vermochte die Mitternacht die kleine Gesellschaft zu trennen. Als der Major auf seinem Zimmer ankam, fand er alles nach seiner alten, gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet; sogar einige Kupferstiche, bei denen er gern verweilte, waren aus andern Zimmern herubergehangt; und da er einmal aufmerksam geworden war, so sah er sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand versorgt und geschmeichelt. Nur wenige Stunden Schlaf bedurfte er diesmal; seine Lebensgeister waren fruh aufgeregt. Aber nun merkte er auf einmal, da? eine neue Ordnung der Dinge manches Unbequeme nach sich ziehe. Er hatte seinem alten Reitknecht, der zugleich die Stelle des Bedienten und Kammerdieners vertrat, seit mehreren Jahren kein boses Wort gegeben: denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen gewohnlichen Gang; die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstucke zu rechter Stunde gereinigt; aber der Herr war fruher aufgestanden, und nichts wollte passen. Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu, um die Ungeduld und eine Art boser Laune des Majors zu vermehren. Sonst war ihm alles an sich und seinem Diener recht gewesen; nun aber fand er sich, als er vor den Spiegel trat, nicht so, wie er zu sein wunschte. Einige graue Haare konnte er nicht leugnen, und von Runzeln schien sich auch etwas eingefunden zu haben. Er wischte und puderte mehr als sonst und mu?te es doch zuletzt lassen, wie es sein konnte. Auch mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden. Da sollten sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den Stiefeln finden. Der Alte wu?te nicht, was er sagen sollte, und war erstaunt, einen so veranderten Herrn vor sich zu sehen. Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon fruh genug im Garten. Hilarien, die er zu finden hoffte, fand er wirklich. Sie brachte ihm einen Blumenstrau? entgegen, und er hatte nicht den Mut, sie wie sonst zu kussen und an sein Herz zu drucken. Er befand sich in der angenehmsten Verlegenheit von der Welt und uberlie? sich seinen Gefuhlen, ohne zu denken, wohin das fuhren konne. Die Baronin gleichfalls saumte nicht lange zu erscheinen, und indem sie ihrem Bruder ein Billet wies, das ihr eben ein Bote gebracht hatte, rief sie aus.»Du ratst nicht, wen uns dieses Blatt anzumelden kommt.«—»So entdecke es nur bald!«versetzte der Major; und er erfuhr, da? ein alter theatralischer Freund nicht weit von dem Gute vorbeireise und fur einen Augenblick einzukehren gedenke.»Ich bin neugierig, ihn wiederzusehen«, sagte der Major;»er ist kein Jungling mehr, und ich hore, da? er noch immer die jungen Rollen spielt.«—»Er mu? um zehn Jahre alter sein als du«, versetzte die Baronin. — »Ganz gewi?«, erwiderte der Major,»nach allem, was ich mich erinnere.» Es wahrte nicht lange, so trat ein munterer, wohlgebauter, gefalliger Mann herzu. Man stutzte einen Augenblick, als man sich wiedersah. Doch sehr bald erkannten sich die Freunde, und Erinnerungen aller Art belebten das Gesprach. Hierauf ging man zu Erzahlungen, zu Fragen und zu Rechenschaft uber; man machte sich wechselsweise mit den gegenwartigen Lagen bekannt und fuhlte sich bald, als ware man nie getrennt gewesen. Die geheime Geschichte sagt uns, da? dieser Mann in fruherer Zeit, als ein sehr schoner und angenehmer Jungling, einer vornehmen Dame zu gefallen das Gluck oder Ungluck gehabt habe; da? er dadurch in gro?e Verlegenheit und Gefahr geraten, woraus ihn der Major eben im Augenblick, als ihn das traurigste Schicksal bedrohte, glucklich herausri?. Ewig blieb er dankbar, dem Bruder sowohl als der Schwester; denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht Anla? gegeben. Einige Zeit vor Tische lie? man die Manner allein. Nicht ohne Bewunderung, ja gewisserma?en mit Erstaunen hatte der Major das au?ere Behaben seines alten Freundes im ganzen und einzelnen betrachtet. Er schien gar nicht verandert zu sein, und es war kein Wunder, da? er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf dem Theater erscheinen konnte. — »Du betrachtest mich aufmerksamer als billig ist«, sprach er endlich den Major an;»ich furchte sehr, du findest den Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu gro?.«—»Keineswegs«, versetzte der Major,»vielmehr bin ich voll Verwunderung, dein Aussehen frischer und junger zu finden als das meine; da ich doch wei?, da? du schon ein gemachter Mann warst, als ich, mit der Kuhnheit eines wagehalsigen Gelbschnabels, dir in gewissen Verlegenheiten beistand.«—»Es ist deine Schuld«, versetzte der andere,»es ist die Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten seid, so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige; man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man etwas ist. Wenn aber zuletzt das Sein mit dem Scheinen sich zu empfehlen anfangt und der Schein noch fluchtiger als das Sein ist, so merkt denn doch ein jeder, da? er nicht ubel getan hatte, das Au?ere uber dem Innern nicht ganz zu vernachlassigen.«—»Du hast recht«, versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht enthalten. — »Vielleicht nicht ganz recht«, sagte der bejahrte Jungling;»denn freilich bei meinem Handwerke ware es ganz unverzeihlich, wenn man das Au?ere nicht so lange aufstutzen wollte, als nur moglich ist. Ihr andern aber habt Ursache, auf andere Dinge zu sehen, die bedeutender und nachhaltiger sind.«—»Doch gibt es Gelegenheiten«, sagte der Major,»wo man sich innerlich frisch fuhlt und sein Au?eres auch gar zu gern wieder auffrischen mochte.» Da der Ankommling die wahre Gemutslage des Majors nicht ahnen konnte, so nahm er diese Au?erung im Soldatensinne und lie? sich weitlaufig daruber aus: wie viel beim Militar aufs Au?ere ankomme und wie der Offizier, der so manches auf seine Kleidung zu wenden habe, doch auch einige Aufmerksamkeit auf Haut und Haare wenden konne. «Es ist zum Beispiel unverantwortlich«, fuhr er fort,»da? Eure Schlafe schon grau sind, da? hie und da sich Runzeln zusammenziehen und da? Euer Scheitel kahl zu werden droht. Seht mich alten Kerl einmal an! betrachtet, wie ich mich erhalten habe! und das alles ohne Hexerei und mit weit weniger Muhe und Sorgfalt, als man taglich anwendet, um sich zu beschadigen oder wenigstens Langeweile zu machen.» Der Major fand bei dieser zufalligen Unterredung zu sehr seinen Vorteil, als da? er sie so bald hatte abbrechen sollen; doch ging er leise und selbst gegen einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu Werke. — »Das habe ich nun leider versaumt!«rief er aus,»und nachzuholen ist es nicht; ich mu? mich nun schon darein ergeben, und Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken.» «Versaumt ist nichts!«erwiderte jener,»wenn ihr andern ernsthaften Herren nur nicht so starr und steif waret, nicht gleich einen jeden, der sein Au?eres bedenkt, fur eitel erklaren und euch dadurch selbst die Freude verkummern mochtet, in gefalliger Gesellschaft zu sein und selbst zu gefallen.«—»Wenn es auch keine Zauberei ist«, lachelte der Major,»wodurch ihr andern euch jung erhaltet, so ist es doch ein Geheimnis, oder wenigstens sind es Arcana, dergleichen oft in den Zeitungen gepriesen werden, von denen ihr aber die besten herauszuproben wi?t.«—»Du magst im Scherz oder im Ernst reden«, versetzte der Freund,»so hast du's getroffen. Unter den vielen Dingen, die man von jeher versucht hat, um dem Au?eren einige Nahrung zu geben, das oft viel fruher als das Innere abnimmt, gibt es wirklich unschatzbare, einfache sowohl als zusammengesetzte Mittel, die mir von Kunstgenossen mitgeteilt, fur bares Geld oder durch Zufall uberliefert und von mir selbst ausgeprobt worden. Dabei bleib' ich und verharre nun, ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben. So viel kann ich dir sagen, und ich ubertreibe nicht: ein Toilettenkastchen fuhre ich bei mir, uber allen Preis! ein Kastchen, dessen Wirkungen ich wohl an dir erproben mochte, wenn wir nur vierzehn Tage zusammenblieben.» Der Gedanke, etwas dieser Art sei moglich und diese Moglichkeit werde ihm gerade in dem rechten Augenblicke so zufallig nahe gebracht, erheiterte den Geist des Majors dergestalt, da? er wirklich schon frischer und munterer aussah und, von der Hoffnung, Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Ubereinstimmung zu bringen, belebt, von der Unruhe, die Mittel dazu bald naher kennen zu lernen, in Bewegung gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer gewissen Zuversicht blickte, die ihm heute fruh noch sehr fremd gewesen war. Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen, Erzahlungen und gluckliche Einfalle der theatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu erhalten, zu beleben und zu vermehren gewu?t, so wurde der Major um so verlegener, als jener gleich nach Tische sich zu entfernen und seinen Weg weiter fortzusetzen drohte. Auf alle Weise suchte er den Aufenthalt seines Freundes, wenigstens uber Nacht, zu erleichtern, indem er Vorspann und Relais auf morgen fruh andringlich zusagte. Genug, die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause, bis man von ihrem Inhalt und Gebrauch naher unterrichtet ware. Der Major sah sehr wohl ein, da? hier keine Zeit zu verlieren sei, und suchte daher gleich nach Tische seinen alten Gunstling allein zu sprechen. Da er das Herz nicht hatte, ganz gerade auf die Sache loszugehen, so lenkte er von weitem dahin, indem er, das vorige Gesprach wieder auffassend, versicherte: er fur seine Person wurde gern mehr Sorgfalt auf das Au?ere verwenden, wenn nur nicht gleich die Menschen einen jeden, dem sie ein solches Bestreben anmerken, fur eitel erklarten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen Achtung entzogen, was sie sich genotigt fuhlten an der sinnlichen ihm zuzugestehen. «Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdrie?lich!«versetzte der Freund;»denn das sind Ausdrucke, die sich die Gesellschaft angewohnt hat, ohne etwas dabei zu denken, oder, wenn man es strenger nehmen will, wodurch sich ihre unfreundliche und mi?wollende Natur ausspricht. Wenn du es recht genau betrachtest: was ist denn das, was man oft als Eitelkeit verrufen mochte? Jeder Mensch soll Freude an sich selbst haben, und glucklich, wer sie hat. Hat er sie aber, wie kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefuhl merken zu lassen? Wie soll er mitten im Dasein verbergen, da? er eine Freude am Dasein habe? Fande die gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein die Rede, nur alsdann diese Au?erungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft werden, wenn des einen Menschen Freude an sich und seinem Wesen die andern hindert, Freude an dem ihrigen zu haben und sie zu zeigen, so ware nichts dabei zu erinnern, und von diesem Uberma? ist auch wohl der Tadel zuerst ausgegangen. Aber was soll eine wunderlich-verneinende Strenge gegen etwas Unvermeidliches? Warum will man nicht eine Au?erung la?lich und ertraglich finden, die man denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit selbst erlaubt? ja, ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren konnte: denn das Gefallen an sich selbst, das Verlangen, dieses Selbstgefuhl andern mitzuteilen, macht gefallig, das Gefuhl eigner Anmut macht anmutig. Wollte Gott, alle Menschen waren eitel, waren es aber mit Bewu?tsein, mit Ma? und im rechten Sinne: so wurden wir in der gebildeten Welt die glucklichsten Menschen sein. Die Weiber, sagt man, sind eitel von Hause aus; doch es kleidet sie, und sie gefallen uns um desto mehr. Wie kann ein junger Mann sich bilden, der nicht eitel ist? Eine leere, hohle Natur wird sich wenigstens einen au?ern Schein zu geben wissen, und der tuchtige Mensch wird sich bald von au?en nach innen zu bilden. Was mich betrifft, so habe ich Ursache, mich auch deshalb fur den glucklichsten Menschen zu halten, weil mein Handwerk mich berechtigt, eitel zu sein, und weil ich, je mehr ich es bin, nur desto mehr Vergnugen den Menschen schaffe. Ich werde gelobt, wo man andere tadelt, und habe, gerade auf diesem Wege, das Recht und das Gluck, noch in einem Alter das Publikum zu ergotzen und zu entzucken, in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur mit Schmach darauf verweilen.» Der Major horte nicht gerne den Schlu? dieser Betrachtungen. Das Wortchen Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem Ubergang dienen, um dem Freunde auf eine geschickte Weise seinen Wunsch vorzutragen; nun furchtete er, bei einem fortgesetzten Gesprach das Ziel noch weiter verruckt zu sehen, und eilte daher unmittelbar zum Zweck. «Fur mich«, sagte er,»ware ich gar nicht abgeneigt, auch zu deiner Fahne zu schworen, da du es nicht fur zu spat haltst und glaubst, da? ich das Versaumte noch einigerma?en nachholen konne. Teile mir etwas von deinen Tinkturen, Pomaden und Balsamen mit, und ich will einen Versuch machen.» «Mitteilungen«, sagte der andere,»sind schwerer, als man denkt. Denn hier z. B. kommt es nicht allein darauf an, da? ich dir von meinen Flaschchen etwas abfulle und von den besten Ingredienzien meiner Toilette die Halfte zurucklasse; die Anwendung ist das Schwerste. Man kann das Uberlieferte sich nicht gleich zu eigen machen; wie dieses und jenes passe, unter was fur Umstanden, in welcher Folge die Dinge zu gebrauchen seien, dazu gehort Ubung und Nachdenken; ja selbst diese wollen kaum fruchten, wenn man nicht eben zu der Sache, wovon die Rede ist, ein angebornes Talent hat.» «Du willst, wie es scheint«, versetzte der Major,»nun wieder zurucktreten. Du machst mir Schwierigkeiten, um deine freilich etwas fabelhaften Behauptungen in Sicherheit zu bringen. Du hast nicht Lust, mir einen Anla?, eine Gelegenheit zu geben, deine Worte durch die Tat zu prufen.» «Durch diese Neckereien, mein Freund«, versetzte der andere,»wurdest du mich nicht bewegen, deinem Verlangen zu willfahren, wenn ich nicht selbst so gute Gesinnungen gegen dich hatte, wie ich es ja zuerst dir angeboten habe. Dabei bedenke, mein Freund, der Mensch hat gar eine eigne Lust, Proselyten zu machen, dasjenige, was er an sich schatzt, auch au?er sich in andern zur Erscheinung zu bringen, sie genie?en zu lassen, was er selbst genie?t, und sich in ihnen wiederzufinden und darzustellen. Furwahr, wenn dies auch Egoismus ist, so ist er der liebenswurdigste und lobenswurdigste, derjenige, der uns zu Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhalt. Aus ihm nehme ich denn auch, abgesehen von der Freundschaft, die ich zu dir hege, die Lust, einen Schuler in der Verjungungskunst aus dir zu machen. Weil man aber von dem Meister erwarten kann, da? er keine Pfuscher ziehen will, so bin ich verlegen, wie wir es anfangen. Ich sagte schon: weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist hinlanglich; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden. Dir zuliebe und aus Lust, meine Lehre fortzupflanzen, bin ich zu jeder Aufopferung bereit. Die gro?te fur den Augenblick will ich dir sogleich anbieten. Ich lasse dir meinen Diener hier, eine Art von Kammerdiener und Tausendkunstler, der, wenn er gleich nicht alles zu bereiten wei?, nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist, doch die ganze Behandlung recht gut versteht und fur den Anfang dir von gro?em Nutzen sein wird, bis du dich in die Sache so hineinarbeitest, da? ich dir die hoheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann.» «Wie!«rief der Major,»du hast auch Stufen und Grade deiner Verjungungskunst? Du hast noch Geheimnisse fur die Eingeweihten?«—»Ganz gewi?!«versetzte jener.»Das mu?te gar eine schlechte Kunst sein, die sich auf einmal fassen lie?e, deren Letztes von demjenigen gleich geschaut werden konnte, der zuerst hereintritt.» Man zauderte nicht lange, der Kammerdiener ward an den Major gewiesen, der ihn gut zu halten versprach. Die Baronin mu?te Schachtelchen, Buchschen und Glaser hergeben, sie wu?te nicht wozu; die Teilung ging vor sich, man war bis in die Nacht munter und geistreich zusammen. Bei dem spateren Aufgang des Mondes fuhr der Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zuruckzukehren. Der Major kam ziemlich mude auf sein Zimmer. Er war fruh aufgestanden, hatte sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr das Bett bald zu erreichen. Allein er fand statt eines Dieners nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn nach alter Art und Weise eilig aus; aber nun trat der neue hervor und lie? merken, da? die eigentliche Zeit, Verjungungs- und Verschonerungsmittel anzubringen, die Nacht sei, damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto sicherer vor sich gehe. Der Major mu?te sich also gefallen lassen, da? sein Haupt gesalbt, sein Gesicht bestrichen, seine Augenbrauen bepinselt und seine Lippen betupft wurden. Au?erdem wurden noch verschiedene Zeremonien erfordert; sogar sollte die Nachtmutze nicht unmittelbar aufgesetzt, sondern vorher ein Netz, wo nicht gar eine feine lederne Mutze ubergezogen werden. Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer Empfindung, die er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte, indem er gar bald einschlief. Sollen wir aber in seine Seele sprechen, so fuhlte er sich etwas mumienhaft, zwischen einem Kranken und einem Einbalsamierten. Allein das su?e Bild Hilariens, umgeben von den heitersten Hoffnungen, zog ihn bald in einen erquickenden Schlaf. Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand. Alles, was zum Anzuge des Herrn gehorte, lag in gewohnter Ordnung auf den Stuhlen, und eben war der Major im Begriff, aus dem Bette zu steigen, als der neue Kammerdiener hereintrat und lebhaft gegen eine solche Ubereilung protestierte. Man musse ruhen, man musse sich abwarten, wenn das Vorhaben gelingen, wenn man fur so manche Muhe und Sorgfalt Freude erleben solle. Der Herr vernahm sodann, da? er in einiger Zeit aufzustehen, ein kleines Fruhstuck zu genie?en und alsdann in ein Bad zu steigen habe, welches schon bereitet sei. Den Anordnungen war nicht auszuweichen, sie mu?ten befolgt werden, und einige Stunden gingen unter diesen Geschaften hin. Der Major verkurzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich geschwind in die Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach expedit und wunschte noch uberdies, Hilarien bald zu begegnen; aber auch hier trat ihm sein neuer Diener entgegen und machte ihm begreiflich, da? man sich durchaus abgewohnen musse, fertig werden zu wollen. Alles, was man tue, musse man langsam und behaglich vollbringen, besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als angenehme Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen. Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden vollig uberein. Dafur glaubte sich aber auch der Major wirklich besser angezogen denn jemals, als er vor den Spiegel trat und sich auf das schmuckeste herausgeputzt erblickte. Ohne viel zu fragen, hatte der Kammerdiener sogar die Uniform moderner zugestutzt, indem er die Nacht auf diese Verwandlung wendete. Eine so schnell erscheinende Verjungung gab dem Major einen besonders heitern Sinn, so da? er sich von innen und au?en erfrischt fuhlte und mit ungeduldigem Verlangen den Seinigen entgegeneilte. Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen, den sie hatte aufhangen lassen, weil abends vorher zwischen ihnen von einigen Seitenverwandten die Rede gewesen, welche, teils unverheiratet, teils in fernen Landen wohnhaft, teils gar verschollen, mehr oder weniger den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf reiche Erbschaften Hoffnung machten. Sie unterhielten sich einige Zeit daruber, ohne des Punktes zu erwahnen, da? sich bisher alle Familiensorgen und Bemuhungen blo? auf ihre Kinder bezogen. Durch Hilariens Neigung hatte sich diese ganze Ansicht freilich verandert, und doch mochte weder der Major noch seine Schwester in diesem Augenblick der Sache weiter gedenken. Die Baronin entfernte sich, der Major stand allein vor dem lakonischen Familiengemalde. Hilarie trat an ihn heran, lehnte sich kindlich an ihn, beschaute die Tafel und fragte: wen er alles von diesen gekannt habe? und wer wohl noch leben und ubrig sein mochte? Der Major begann seine Schilderung von den Altesten, deren er sich aus seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter, zeichnete die Charaktere verschiedener Vater, die Ahnlichkeit oder Unahnlichkeit der Kinder mit denselben, bemerkte, da? oft der Gro?vater im Enkel wieder hervortrete, sprach gelegentlich von dem Einflu? der Weiber, die, aus fremden Familien heruber heiratend, oft den Charakter ganzer Stamme verandern. Er ruhmte die Tugend manches Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht. Mit Stillschweigen uberging er diejenigen, deren man sich hatte zu schamen gehabt. Endlich kam er an die untersten Reihen. Da stand nun sein Bruder, der Obermarschall, er und seine Schwester und unten drunter sein Sohn und daneben Hilarie. «Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht«, sagte der Major und fugte nicht hinzu, was er im Sinne hatte. Nach einer Pause versetzte Hilarie bescheiden, halblaut und fast mit einem Seufzer:»Und doch wird man denjenigen niemals tadeln, der in die Hohe blickt!«Zugleich sah sie mit ein paar Augen an ihm hinauf, aus denen ihre ganze Neigung hervorsprach. — »Versteh' ich dich recht?«sagte der Major, indem er sich zu ihr wendete. — »Ich kann nichts sagen«, versetzte Hilarie lachelnd,»was Sie nicht schon wissen.«—»Du machst mich zum glucklichsten Menschen unter der Sonne!«rief er aus und fiel ihr zu Fu?en.»Willst du mein sein?«—»Um Gottes willen stehen Sie auf! Ich bin dein auf ewig.» Die Baronin trat herein. Ohne uberrascht zu sein, stutzte sie. — »Ware es ein Ungluck«, sagte der Major,»Schwester! so ist die Schuld dein; als Gluck wollen wir's dir ewig verdanken.» Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt, da? sie ihn allen Mannern vorzog, und vielleicht war selbst die Neigung Hilariens aus dieser Vorliebe der Mutter, wo nicht entsprungen, doch gewi? genahrt worden. Alle drei vereinigten sich nunmehr in _einer_ Liebe, _einem_ Behagen, und so flossen fur sie die glucklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit solchen Empfindungen im Einklang. Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien bestimmt, das ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung des Geschafts mit dem Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der Garnison besuchen, alles mit ihm abreden und diese Angelegenheiten zu einem glucklichen Ende fuhren. Nun war aber durch ein unerwartetes Ereignis der ganze Zustand verruckt; die Verhaltnisse, die sonst sich freundlich ineinanderschmiegten, schienen sich nunmehr anzufeinden, und es war schwer vorauszusehen, was die Sache fur eine Wendung nehmen, was fur eine Stimmung die Gemuter ergreifen wurde. Indessen mu?te sich der Major entschlie?en, seinen Sohn aufzusuchen, dem er sich schon angemeldet hatte. Er machte sich nicht ohne Widerwillen, nicht ohne sonderbare Ahnung, nicht ohne Schmerz, Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu verlassen, nach manchem Zaudern auf den Weg, lie? Reitknecht und Pferde zuruck und fuhr mit seinem Verjungungsdiener, den er nun nicht mehr entbehren konnte, der Stadt, dem Aufenthalte seines Sohnes, entgegen. Beide begru?ten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs herzlichste. Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch nicht sogleich aus, was ihnen zunachst am Herzen lag. Der Sohn erging sich in Hoffnungen eines baldigen Avancements; wogegen ihm der Vater genaue Nachricht gab, was zwischen den altern Familiengliedern wegen des Vermogens uberhaupt, wegen der einzelnen Guter und sonst verhandelt und beschlossen worden. Das Gesprach fing schon einigerma?en an zu stocken, als der Sohn sich ein Herz fa?te und zu dem Vater lachelnd sagte:»Sie behandeln mich sehr zart, lieber Vater, und ich danke Ihnen dafur. Sie erzahlen mir von Besitztumern und Vermogen und erwahnen der Bedingung nicht, unter der, wenigstens zum Teil, es mir eigen werden soll; Sie halten mit dem Namen Hilariens zuruck, Sie erwarten, da? ich ihn selbst ausspreche, da? ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem liebenswurdigen Kinde bald vereinigt zu sein.» Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in gro?er Verlegenheit; da es aber teils seiner Natur, teils einer alten Gewohnheit gema? war, den Sinn des andern, mit dem er zu verhandeln hatte, zu erforschen, so schwieg er und blickte den Sohn mit einem zweideutigen Lacheln an. — »Sie erraten nicht, mein Vater, was ich zu sagen habe«, fuhr der Lieutenant fort,»und ich will es nur rasch ein fur allemal herausreden. Ich kann mich auf Ihre Gute verlassen, die, bei so vielfacher Sorge fur mich, gewi? auch an mein wahres Gluck gedacht hat. Einmal mu? es gesagt sein, und so sei es gleich gesagt: Hilarie kann mich nicht glucklich machen! Ich gedenke Hilariens als einer liebenswurdigen Anverwandten, mit der ich zeitlebens in den freundschaftlichsten Verhaltnissen stehen mochte; aber eine andere hat meine Leidenschaft erregt, meine Neigung gefesselt. Unwiderstehlich ist dieser Hang; Sie werden mich nicht unglucklich machen.» Nur mit Muhe verbarg der Major die Heiterkeit, die sich uber sein Gesicht verbreiten wollte, und fragte den Sohn mit einem milden Ernst: wer denn die Person sei, welche sich seiner so ganzlich bemachtigen konnen. — »Sie mussen dieses Wesen sehen, mein Vater: denn sie ist so unbeschreiblich als unbegreiflich. Ich furchte nur, Sie werden selbst von ihr hingerissen, wie jedermann, der sich ihr nahert. Bei Gott! ich erlebe es und sehe Sie als den Rival Ihres Sohnes.» «Wer ist sie denn?«fragte der Major.»Wenn du ihre Personlichkeit zu schildern nicht imstande bist, so erzahle mir wenigstens von ihren au?ern Umstanden: denn diese sind wohl doch eher auszusprechen.«—»Wohl, mein Vater!«versetzte der Sohn;»und doch wurden auch diese au?eren Umstande bei einer andern anders sein, anders auf eine andere wirken. Sie ist eine junge Witwe, Erbin eines alten, reichen, vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhangig und hochst wert, es zu sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von ebenso vielen umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen angehorig.» Mit Behaglichkeit, weil der Vater schwieg und kein Zeichen der Mi?billigung au?erte, fuhr der Sohn fort, das Betragen der schonen Witwe gegen ihn zu erzahlen, jene unwiderstehliche Anmut, jene zarten Gunstbezeigungen einzeln herzuruhmen, in denen der Vater freilich nur die leichte Gefalligkeit einer allgemein gesuchten Frau erkennen konnte, die unter vielen wohl irgendeinen vorzieht, ohne sich eben fur ihn ganz und gar zu entscheiden. Unter jeden andern Umstanden hatte er gewi? gesucht, einen Sohn, ja nur einen Freund auf den Selbstbetrug aufmerksam zu machen, der wahrscheinlich hier obwalten konnte; aber diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen, wenn der Sohn sich nicht tauschen, wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich so schnell als moglich zu seinen Gunsten entscheiden mochte, da? er entweder kein Bedenken hatte oder einen solchen Zweifel bei sich ablehnte, vielleicht auch nur verschwieg. «Du setzest mich in gro?e Verlegenheit«, begann der Vater nach einiger Pause.»Die ganze Ubereinkunft zwischen den ubriggebliebenen Gliedern unsers Geschlechts beruht auf der Voraussetzung, da? du dich mit Hilarien verbindest. Heiratet sie einen Fremden, so ist die ganze, schone, kunstliche Vereinigung eines ansehnlichen Vermogens wieder aufgehoben, und du besonders in deinem Teile nicht zum besten bedacht. Es gabe wohl noch ein Mittel, das aber ein wenig sonderbar klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen wurdest: ich mu?te noch in meinen alten Tagen Hilarien heiraten, wodurch ich dir aber schwerlich ein gro?es Vergnugen machen wurde.» «Das gro?te von der Welt!«rief der Lieutenant aus;»denn wer kann eine wahre Neigung empfinden, wer kann das Gluck der Liebe genie?en oder hoffen, ohne da? er dieses hochste Gluck einem jeden Freund, einem jeden gonnte, der ihm wert ist! Sie sind nicht alt, mein Vater; wie liebenswurdig ist nicht Hilarie! und schon der voruberschwebende Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem jugendlichen Herzen, von frischer Mutigkeit. Lassen Sie uns diesen Einfall, diesen Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken. Dann wurde ich erst recht glucklich sein, wenn ich Sie glucklich wu?te; dann wurde ich mich erst recht freuen, da? Sie fur die Sorgfalt, mit der Sie mein Schicksal bedacht, an sich selbst so schon und hochlich belohnt wurden. Nun fuhre ich Sie erst mutig, zutraulich und mit recht offnem Herzen zu meiner Schonen. Sie werden meine Empfindungen billigen, weil Sie selbst fuhlen; Sie werden dem Gluck eines Sohnes nichts in den Weg legen, weil Sie Ihrem eigenen Gluck entgegengehen.» Mit diesen und andern dringenden Worten lie? der Sohn den Vater, der manche Bedenklichkeiten einstreuen wollte, nicht Raum gewinnen, sondern eilte mit ihm zur schonen Witwe, welche sie in einem gro?en, wohleingerichteten Hause, umgeben von einer zwar nicht zahlreichen, aber ausgesuchten Gesellschaft, in heiterer Unterhaltung antrafen. Sie war eins von den weiblichen Wesen, denen kein Mann entgeht. Mit unglaublicher Gewandtheit wu?te sie den Major zum Helden dieses Abends zu machen. Die ubrige Gesellschaft schien ihre Familie, der Major allein der Gast zu sein. Sie kannte seine Verhaltnisse recht gut, und doch wu?te sie darnach zu fragen, als wenn sie alles erst von ihm recht erfahren wollte; und so mu?te auch jedes von der Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem Neuangekommenen zeigen. Der eine mu?te seinen Bruder, der andere seine Guter und der Dritte sonst wieder etwas gekannt haben, so da? der Major bei einem lebhaften Gesprach sich immer als den Mittelpunkt fuhlte. Auch sa? er zunachst bei der Schonen; ihre Augen waren auf ihn, ihr Lacheln an ihn gerichtet; genug, er fand sich so behaglich, da? er beinahe die Ursache verga?, warum er gekommen war. Auch erwahnte sie seines Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge Mann lebhaft mitsprach; er schien fur sie, wie die ubrigen alle, heute nur um des Vaters willen gegenwartig. Frauenzimmerliche Handarbeiten, in Gesellschaft unternommen und scheinbar gleichgultig fortgesetzt, erhalten durch Klugheit und Anmut oft eine wichtige Bedeutung. Unbefangen und emsig fortgesetzt, geben solche Bemuhungen einer Schonen das Ansehen volliger Unaufmerksamkeit auf die Umgebung und erregen in derselben ein stilles Mi?gefuhl. Dann aber, gleichsam wie beim Erwachen, ein Wort, ein Blick versetzt die Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft, sie erscheint als neu willkommen; legt sie aber gar die Arbeit in den Scho? nieder, zeigt sie Aufmerksamkeit auf eine Erzahlung, einen belehrenden Vortrag, in welchem sich die Manner so gern ergehen, dies wird demjenigen hochst schmeichelhaft, den sie dergestalt begunstigt. Unsere schone Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so prachtigen als geschmackvollen Brieftasche, die sich noch uberdies durch ein gro?eres Format auszeichnete. Diese ward nun eben von der Gesellschaft besprochen, von dem nachsten Nachbar aufgenommen, unter gro?en Lobpreisungen der Reihe nach herumgegeben, indessen die Kunstlerin sich mit dem Major von ernsten Gegenstanden besprach; ein alter Hausfreund ruhmte das beinahe fertige Werk mit Ubertreibung, doch als solches an den Major kam, schien sie es als seiner Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen, wogegen er auf eine verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen verstand, inzwischen der Hausfreund darin ein penelopeisch zauderhaftes Werk zu sehen glaubte. Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufallig zusammen. Der Lieutenant trat zu der Schonen und fragte:»Was sagen Sie zu meinem Vater?«Lachelnd versetzte sie:»Mich deucht, da? Sie ihn wohl zum Muster nehmen konnten. Sehn Sie nur, wie nett er angezogen ist! Ob er sich nicht besser tragt und halt als sein lieber Sohn!«So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des Sohnes zu beschreien und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes hervorzubringen. Nicht lange, so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzahlte ihm alles haarklein wieder. Der Vater betrug sich nur desto freundlicher gegen die Witwe, und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen lebhafteren, vertraulichem Ton. Kurz, man kann sagen, da?, als es zum Scheiden ging, der Major so gut als die ubrigen alle ihr und ihrem Kreise schon angehorte. Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft, auf die Weise nach Hause zu kehren, wie sie gekommen war. Einige Equipagen fuhren vor, in welche man die Fu?ganger verteilte; nur der Lieutenant, unter dem Vorwande, man sitze ohnehin schon zu enge, lie? den Vater fortfahren und blieb zuruck. Der Major, als er in sein Zimmer trat, fuhlte sich wirklich in einer Art von Taumel, von Unsicherheit seiner selbst, wie es denen geht, die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten ubertreten. Die Erde scheint sich fur den zu bewegen, der aus dem Schiffe steigt, und das Licht zittert noch im Auge dessen, der auf einmal ins Finstere tritt. So fuhlte sich der Major noch von der Gegenwart des schonen Wesens umgeben. Er wunschte, sie noch zu sehen, zu horen, sie wieder zu sehen, wieder zu horen; und nach einiger Besinnung verzieh er seinem Sohne, ja er pries ihn glucklich, da? er Anspruche machen durfe, so viel Vorzuge zu besitzen. Aus diesen Empfindungen ri? ihn der Sohn, der mit einer lebhaften Entzuckung zur Ture hereinsturzte, den Vater umarmte und ausrief:»Ich bin der glucklichste Mensch von der Welt!«Nach solchen und ahnlichen Ausrufen kam es endlich unter beiden zur Aufklarung. Der Vater bemerkte, da? die schone Frau im Gesprach gegen ihn des Sohnes auch nicht mit einer Silbe erwahnt habe. — »Das ist eben ihre zarte, schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man seiner Wunsche gewi? wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz erwehren kann. So war sie bisher gegen mich; aber Ihre Gegenwart, mein Vater, hat Wunder getan. Ich gestehe es gern, da? ich zuruckblieb, um sie noch einen Augenblick zu sehen. Ich fand sie in ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen; denn ich wei? wohl, es ist ihre Gewohnheit: wenn die Gesellschaft weg ist, darf kein Licht ausgeloscht werden. Sie geht allein in ihren Zaubersalen auf und ab, wenn die Geister entlassen sind, die sie hergebannt hat. Sie lie? den Vorwand gelten, unter dessen Schutz ich zuruckkam. Sie sprach anmutig, doch von gleichgultigen Dingen. Wir gingen hin und wider durch die offenen Turen die ganze Reihe der Zimmer durch. Wir waren schon einigemale bis ans Ende gelangt, in das kleine Kabinett, das nur von einer truben Lampe erhellt ist. War sie schon, wenn sie sich unter den Kronleuchtern her bewegte, so war sie es noch unendlich mehr, beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe. Wir waren wieder dahin gekommen und standen beim Umkehren einen Augenblick still. Ich wei? nicht, was mir die Verwegenheit abnotigte, ich wei? nicht, wie ich es wagen konnte, mitten im gleichgultigsten Gesprach auf einmal ihre Hand zu fassen, diese zarte Hand zu kussen, sie an mein Herz zu drucken. Man zog sie nicht weg. ›Himmlisches Wesen‹, rief ich, ›verbirg dich nicht langer vor mir. Wenn in diesem schonen Herzen eine Neigung wohnt fur den Glucklichen, der vor dir steht, so verhulle sie nicht langer, offenbare sie, gestehe sie! es ist die schonste, es ist die hochste Zeit. Verbanne mich oder nimm mich in deinen Armen auf!‹ Ich wei? nicht, was ich alles sagte, ich wei? nicht, wie ich mich gebardete. Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie antwortete nicht. Ich wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu fragen, ob sie die Meinige sein wolle. Ich ku?te sie mit Ungestum; sie drangte mich weg. — ›Ja doch, ja!‹ oder so etwas sagte sie halblaut und wie verworren. Ich entfernte mich und rief — ›Ich sende meinen Vater, der soll fur mich reden!‹ — ›Kein Wort mit ihm daruber!‹ versetzte sie, indem sie mir einige Schritte nachfolgte. ›Entfernen Sie sich, vergessen Sie, was geschehen ist.‹» Was der Major dachte, wollen wir nicht entwickeln. Er sagte jedoch zum Sohne:»Was glaubt du nun, was zu tun sei? Die Sache ist, dacht' ich, aus dem Stegreife gut genug eingeleitet, da? wir nun etwas formlicher zu Werke gehen konnen, da? es vielleicht sehr schicklich ist, wenn ich mich morgen dort melde und fur dich anhalte.«—»Um Gottes willen, mein Vater!«rief er aus,»das hie?e die ganze Sache verderben. Jenes Betragen, jener Ton will durch keine Formlichkeit gestort und verstimmt sein. Es ist genug, mein Vater, da? Ihre Gegenwart diese Verbindung beschleunigt, ohne da? Sie ein Wort aussprechen. Ja, Sie sind es, dem ich mein Gluck schuldig bin! Die Achtung meiner Geliebten fur Sie hat jeden Zweifel besiegt, und niemals wurde der Sohn einen so glucklichen Augenblick gefunden haben, wenn ihn der Vater nicht vorbereitet hatte.» Solche und ahnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die Nacht. Sie vereinigten sich wechselseitig uber ihre Plane; der Major wollte bei der schonen Witwe nur noch der Form wegen einen Abschiedsbesuch machen und sodann seiner Verbindung mit Hilarien entgegengehen; der Sohn sollte die seinige befordern und beschleunigen, wie es moglich ware. Der schonen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch, um Abschied zu nehmen und, wenn es moglich ware, die Absicht seines Sohnes mit Schicklichkeit zu fordern. Er fand sie in zierlichster Morgenkleidung in Gesellschaft einer altern Dame, die durch ein hochst gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm. Die Anmut der Jungern, der Anstand der Alteren setzten das Paar in das wunschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ihr wechselseitiges Betragen durchaus dafur zu sprechen, da? sie einander angehorten. Die Jungere schien eine flei?ig gearbeitete, uns von gestern schon bekannte Brieftasche soeben vollendet zu haben; denn nach den gewohnlichen Empfangsbegru?ungen und verbindlichen Worten eines willkommenen Erscheinens wendete sie sich zur Freundin und reichte das kunstliche Werk hin, gleichsam ein unterbrochenes Gesprach wieder anknupfend:»Sie sehen also, da? ich doch fertig geworden bin, wenn es gleich wegen manchen Zogerns und Saumens den Anschein nicht hatte.» «Sie kommen eben recht, Herr Major«, sagte die Altere,»unsern Streit zu entscheiden oder wenigstens sich fur eine oder die andere Partei zu erklaren; ich behaupte, man fangt eine solche weitschichtige Arbeit nicht an, ohne einer Person zu gedenken, der man sie bestimmt hat, man vollendet sie nicht ohne einen solchen Gedanken. Beschauen Sie selbst das Kunstwerk, denn so nenn' ich es billig, ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden konne.» Unser Major mu?te der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen. Teils geflochten, teils gestickt, erregte sie zugleich mit der Bewunderung das Verlangen, zu erfahren, wie sie gemacht sei. Die bunte Seide wartete vor, doch war auch das Gold nicht verschmaht, genug, man wu?te nicht, ob man Pracht oder Geschmack mehr bewundern sollte. «Es ist doch noch einiges daran zu tun«, versetzte die Schone, indem sie die Schleife des umgeschlungenen Bandes wieder aufzog und sich mit dem Innern beschaftigte.»Ich will nicht streiten«, fuhr sie fort,»aber erzahlen will ich, wie mir bei solchem Geschaft zumute ist. Als junge Madchen werden wir gewohnt, mit den Fingern zu tifteln und mit den Gedanken umherzuschweifen; beides bleibt uns, indem wir nach und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten verfertigen lernen, und ich leugne nicht, da? ich an jede Arbeit dieser Art immer Gedanken angeknupft habe, an Personen, an Zustande, an Freud und Leid. Und so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf wohl sagen, kostbar. Als ein solches nun durft' ich das Geringste fur etwas halten, die leichteste Arbeit gewann einen Wert, und die schwierigste doch auch nur dadurch, da? die Erinnerung dabei reicher und vollstandiger war. Freunden und Liebenden, ehrwurdigen und hohen Personen glaubt' ich daher dergleichen immer anbieten zu konnen; sie erkannten es auch und wu?ten, da? ich ihnen etwas von meinem Eigensten uberreichte, das, vielfach und unaussprechlich, doch zuletzt zu einer angenehmen Gabe vereinigt, immer wie ein freundlicher Gru? wohlgefallig aufgenommen ward.» Auf ein so liebenswurdiges Bekenntnis war freilich kaum eine Erwiderung moglich; doch wu?te die Freundin dagegen etwas in wohlklingende Worte zu fugen. Der Major aber, von jeher gewohnt, die anmutige Weisheit romischer Schriftsteller und Dichter zu schatzen und ihre leuchtenden Ausdrucke dem Gedachtnis einzupragen, erinnerte sich einiger hierher gar wohl passender Verse, hutete sich aber, um nicht als Pedant zu erscheinen, sie auszusprechen oder auch ihrer nur zu erwahnen; versuchte jedoch, um nicht stumm und geistlos zu erscheinen, aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase, die aber nicht recht gelingen wollte, wodurch das Gesprach beinahe ins Stocken geraten ware. Die altere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des Freundes niedergelegten Buche; es war eine Sammlung von Poesien, welche soeben die Aufmerksamkeit der Freundinnen beschaftigte; dies gab Gelegenheit, von Dichtkunst uberhaupt zu sprechen, doch blieb die Unterhaltung nicht lange im Allgemeinen, denn gar bald bekannten die Frauenzimmer zutraulich, da? sie von dem poetischen Talent des Majors unterrichtet seien. Ihnen hatte der Sohn, der selbst auf den Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg, von den Gedichten seines Vaters vorgesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde, um sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die Jugend gewohnt ist, sich fur einen vorschreitenden, die Fahigkeiten des Vaters steigernden Jungling bescheidentlich geben zu konnen. Der Major aber, der sich zuruckzuziehen suchte, da er blo? als Literator und Liebhaber gelten wollte, suchte, da ihm kein Ausweg gelassen war, wenigstens auszuweichen, indem er die Dichtart, in der er sich allenfalls geubt habe, fur subaltern und fast fur unecht wollte angesehen wissen; er konnte nicht leugnen, da? er in demjenigen, was man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt, einige Versuche gemacht habe. Die Damen, besonders die jungere, nahmen sich dieser Dichtart an; sie sagte:»Wenn man vernunftig und ruhig leben will, welches denn doch zuletzt eines jeden Menschen Wunsch und Absicht bleibt, was soll uns da das aufgeregte Wesen, das uns willkurlich anreizt, ohne etwas zu geben, das uns beunruhigt, um uns denn doch zuletzt uns wieder selbst zu uberlassen; unendlich viel angenehmer ist mir, da ich doch einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag, jene, die mich in heitere Gegenden versetzt, wo ich mich wiederzuerkennen glaube, mir den Grundwert des Einfach-Landlichen zu Gemute fuhrt, mich durch buschige Haine zum Wald, unvermerkt auf eine Hohe zum Anblick eines Landsees hinfuhrt, da denn auch wohl gegenuber erst angebaute Hugel, sodann waldgekronte Hohen emporsteigen und die blauen Berge zum Schlu? ein befriedigendes Gemalde bilden. Bringt man mir das in klaren Rhythmen und Reimen, so bin ich auf meinem Sofa dankbar, da? der Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat, an dem ich mich ruhiger erfreuen kann, als wenn ich es, nach ermudender Wanderschaft, vielleicht unter andern, ungunstigen Umstanden vor Augen sehe.» Der Major, der das vorwaltende Gesprach eigentlich nur als Mittel ansah, seine Zwecke zu befordern, suchte sich wieder nach der lyrischen Dichtkunst hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Lobliches geleistet hatte. Man widersprach ihm nicht geradezu, aber man suchte ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er eingeschlagen hatte, besonders da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten schien, womit der Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung seines Herzens nicht ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte.»Lieder der Liebenden«, sagte die schone Frau,»mag ich weder vorgelesen noch vorgesungen; glucklich Liebende beneidet man, eh' man sich's versieht, und die Unglucklichen machen uns immer Langeweile.» Hierauf nahm die altere Dame, zu ihrer holden Freundin gewendet, das Wort auf und sagte:»Warum machen wir solche Umschweife, verlieren die Zeit in Umstandlichkeiten gegen einen Mann, den wir verehren und lieben? Sollen wir ihm nicht vertrauen, da? wir sein anmutiges Gedicht, worin er die wackere Leidenschaft zur Jagd in allen ihren Einzelheiten vortragt, schon teilweise zu kennen das Vergnugen haben, und nunmehr ihn bitten, auch das Ganze nicht vorzuenthalten? Ihr Sohn«, fuhr sie fort,»hat uns einige Stellen mit Lebhaftigkeit aus dem Gedachtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht, den Zusammenhang zu sehen. «Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohns zuruckkehren und diese hervorheben wollte, lie?en es die Damen nicht gelten, indem sie es fur eine offenbare Ausflucht ansprachen, um die Erfullung ihrer Wunsche indirekt abzulehnen. Er kam nicht los, bis er unbewunden versprochen hatte, das Gedicht zu senden, sodann aber nahm das Gesprach eine Wendung, die ihn hinderte, zugunsten des Sohnes weiter etwas vorzubringen, besonders da ihm dieser alle Zudringlichkeit abgeraten hatte. Da es nun Zeit schien, sich zu beurlauben, und der Freund auch deshalb einige Bewegung machte, sprach die Schone mit einer Art von Verlegenheit, wodurch sie nur noch schoner ward, indem sie die frisch geknupfte Schleife der Brieftasche sorgfaltig zurechtzupfte:»Dichter und Liebhaber sind langst schon leider im Ruf, da? ihren Versprechen und Zusagen nicht viel zu trauen sei; verzeihen Sie daher, wenn ich das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen wage und deshalb ein Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe. Nehmen Sie diese Brieftasche, sie hat etwas Ahnliches von Ihrem Jagdgedicht, viel Erinnerungen sind daran geknupft, manche Zeit verging unter der Arbeit, endlich ist sie fertig; bedienen Sie sich derselben als eines Boten, uns Ihre liebliche Arbeit zu uberbringen.» Bei solch unerwartetem Anerbieten fuhlte sich der Major wirklich betroffen; die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein Verhaltnis zu dem, was ihn gewohnlich umgab, zu dem ubrigen, dessen er sich bediente, da? er sie sich, obgleich dargereicht, kaum zueignen konnte; doch nahm er sich zusammen, und wie seinem Erinnern ein uberliefertes Gute niemals versagte, so trat eine klassische Stelle alsbald ihm ins Gedachtnis. Nur ware es pedantisch gewesen, sie anzufuhren, doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf, da? er aus dem Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und ein zierliches Kompliment entgegenzubringen im Falle war; und so schlo? sich denn diese Szene auf eine befriedigende Weise fur die samtlichen Unterredenden. Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes Verhaltnis verflochten; er hatte zu senden, zu schreiben zugesagt, sich verpflichtet, und wenn ihm die Veranlassung einigerma?en unangenehm fiel, so mu?te er es doch fur ein Gluck schatzen, auf eine heitere Weise mit dem Frauenzimmer in Verhaltnis zu bleiben, das bei ihren gro?en Vorzugen ihm so nah angehoren sollte. Er schied also nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit; denn wie sollte der Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden, dessen treuflei?iger Arbeit, die so lange unbeachtet geruht, nun ganz unerwartet eine liebenswurdige Aufmerksamkeit zuteil wird. Gleich nach seiner Ruckkehr ins Quartier setzte der Major sich nieder, zu schreiben, seiner guten Schwester alles zu berichten, und da war nichts naturlicher, als da? in seiner Darstellung eine gewisse Exaltation sich hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch das Einreden seines von Zeit zu Zeit storenden Sohns noch mehr gesteigert wurde. Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck; denn wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit Hilarien befordert und beschleunigt werden konnte, geeignet war, sie ganz zufriedenzustellen, so wollte ihr doch die schone Witwe nicht gefallen, ohne da? sie sich deswegen Rechenschaft zu geben gedacht hatte. Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende Bemerkung. Den Enthusiasmus fur irgendeine Frau mu? man einer andern niemals anvertrauen; sie kennen sich untereinander zu gut, um sich einer solchen ausschlie?lichen Verehrung wurdig zu halten. Die Manner kommen ihnen vor wie Kaufer im Laden, wo der Handelsmann mit seinen Waren, die er kennt, im Vorteil steht, auch sie in dem besten Lichte vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen kann; dahingegen der Kaufer immer mit einer Art Unschuld hereintritt, er bedarf der Ware, will und wunscht sie und versteht gar selten, sie mit Kenneraugen zu betrachten. Jener wei? recht gut, was er gibt, dieser nicht immer, was er empfangt. Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang nicht zu andern, ja so loblich als notwendig, denn alles Begehren und Freien, alles Kaufen und Tauschen beruht darauf. In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die Baronesse weder mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der gunstigen Schilderung des Vaters vollig zufrieden sein; sie fand sich uberrascht von der glucklichen Wendung der Sache, doch lie? eine Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht abweisen. Hilarie ist ihr zu jung fur den Bruder, die Witwe fur den Sohn nicht jung genug; indessen hat die Sache ihren Gang genommen, der nicht aufzuhalten scheint. Ein frommer Wunsch, da? alles gut gehen moge, stieg mit einem leisen Seufzer empor. Um ihr Herz zu erleichtern, nahm sie die Feder und schrieb an jene menschenkennende Freundin, indem sie nach einem geschichtlichen Eingang also fortfuhr. «Die Art dieser jungen, verfuhrerischen Witwe ist mir nicht unbekannt; weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau um sich zu leiden, die ihr keinen Eintrag tut, ihr schmeichelt und, wenn ihre stummen Vorzuge sich nicht klar genug dartaten, sie noch mit Worten und geschickter Behandlung der Aufmerksamkeit zu empfehlen wei?. Zuschauer, Teilnehmer an einer solchen Reprasentation mussen Manner sein, daher entsteht die Notwendigkeit, sie anzuziehen, sie festzuhalten. Ich denke nichts Ubles von der schonen Frau, sie scheint anstandig und behutsam genug, aber eine solche lusterne Eitelkeit opfert den Umstanden auch wohl etwas auf, und, was ich fur das Schlimmste halte: nicht alles ist reflektiert und vorsatzlich, ein gewisses gluckliches Naturell leitet und beschutzt sie, und nichts ist gefahrlicher an so einer gebornen Kokette als eine aus der Unschuld entspringende Verwegenheit.» Der Major, nunmehr auf den Gutern angelangt, widmete Tag und Stunde der Besichtigung und Untersuchung. Er fand sich in dem Falle, zu bemerken, da? ein richtiger, wohlgefa?ter Hauptgedanke in der Ausfuhrung mannigfaltigen Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler Zufalligkeiten unterworfen ist, in dem Grade, da? der erste Begriff beinahe verschwindet und fur Augenblicke ganz und gar unterzugehen scheint, bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die Moglichkeit eines Gelingens sich wieder darstellt, wenn wir die Zeit als den besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten sehen. Und so ware denn auch hier der traurige Anblick schoner, ansehnlicher, vernachlassigter, mi?brauchter Besitzungen zu einem trostlosen Zustande geworden, hatte man nicht durch das verstandige Bemerken einsichtiger Okonomen zugleich vorausgesehen, da? eine Reihe von Jahren, mit Verstand und Redlichkeit benutzt, hinreichend sein werde, das Abgestorbene zu beleben und das Stockende in Umtrieb zu versetzen, um zuletzt durch Ordnung und Tatigkeit seinen Zweck zu erreichen. Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem ernsten Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als jener, der zu den Menschen gehorte, die keine Zwecke haben oder, wenn sie einen vor sich sehen, die Mittel dazu ablehnen. Ein taglich- und stundliches Behagen war ihm das unerla?liche Bedurfnis seines Lebens. Nach langem Zaudern ward es ihm endlich Ernst, seine Glaubiger loszuwerden, die Guterlast abzuschutteln, die Unordnung seines Hauswesens in Regel zu setzen, eines anstandigen, gesicherten Einkommens ohne Sorge zu genie?en, dagegen aber auch nicht das geringste von den bisherigen Brauchlichkeiten fahren zu lassen. Im ganzen gestand er alles ein, was die Geschwister in den ungetrubten Besitz der Guter, besonders auch des Hauptgutes, setzen sollte, aber auf einen gewissen benachbarten Pavillon, in welchem er alle Jahr auf seinen Geburtstag die altesten Freunde und die neusten Bekannten einlud, ferner auf den daran gelegenen Ziergarten, der solchen mit dem Hauptgebaude verband, wollte er die Anspruche nicht vollig aufgeben. Die Meublen alle sollten in dem Lusthause bleiben, die Kupferstiche an den Wanden sowie auch die Fruchte der Spaliere ihm versichert werden. Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten Sorten, Birnen und Apfel, gro? und schmackhaft, besonders aber eine gewisse Sorte grauer, kleiner Apfel, die er seit vielen Jahren der Furstin Witwe zu verehren gewohnt war, sollten ihm treulich geliefert sein. Hieran schlossen sich noch andere Bedingungen, wenig bedeutend, aber dem Hausherrn, Pachtern, Verwaltern, Gartnern ungemein beschwerlich. Der Obermarschall war ubrigens von dem besten Humor; denn da er den Gedanken nicht fahren lie?, da? alles nach seinen Wunschen, wie es ihm sein leichtes Temperament vorgespielt hatte, sich endlich einrichten wurde, so sorgte er fur eine gute Tafel, machte sich einige Stunden auf einer muhelosen Jagd die notige Bewegung, erzahlte Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste Gesicht; auch schied er auf gleiche Weise, dankte dem Major zum schonsten, da? er so bruderlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, lie? die kleinen vorratigen grauen Goldapfel, welche dieses Jahr besonders wohl geraten waren, sorgfaltig einpacken und fuhr mit diesem Schatz, den er als eine willkommene Verehrung der Furstin zu uberreichen gedachte, nach ihrem Witwensitz, wo er denn auch gnadig und freundlich empfangen ward. Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefuhlen zuruck und ware an den Verschrankungen, die er vor sich fand, fast verzweifelt, ware ihm nicht das Gefuhl zu Hulfe gekommen, das einen tatigen Mann freudig aufrichtet, wenn er das Verworrene zu losen, als entworren vor sich zu sehen hoffen darf. Glucklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann, der, weil er sonst viel zu tun hatte, diese Angelegenheit bald beendigte. Ebenso glucklich schlug sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu, der gegen ma?ige Bedingungen in dem Geschaft mitzuwirken versprach, wodurch man einem gedeihlichen Abschlu? entgegensehen durfte. So angenehm aber auch dieses war, so fuhlte doch der Major als ein rechtlicher Mann im Hin- und Widerwirken bei dieser Angelegenheit, es bedurfe gar manches Unreinen, um ins Reine zu kommen. Bei einer Pause des Geschafts, die ihm einige Freiheit lie?, eilte er auf sein Gut, wo er, des Versprechens eingedenk, das er an die schone Witwe getan und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war, seine Gedichte vorsuchte, die in guter Ordnung verwahrt lagen; zu gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk- und Erinnerungsbucher, Auszuge beim Lesen alter und neuer Schriftsteller enthaltend, wieder zur Hand. Bei seiner Vorliebe fur Horaz und die romischen Dichter war das meiste daher, und es fiel ihm auf, da? die Stellen gro?tenteils Bedauern vergangner Zeit, vorubergeschwundner Zustande und Empfindungen andeuteten. Statt vieler rucken wir die einzige Stelle hier ein: «Heu! Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit? Vel cur his animis incolumes non redeunt genae!» «Wie ist heut mir doch zumute? So vergnuglich und so klar! Da bei frischem Knabenblute Mir so wild, so duster war. Doch wenn mich die Jahre zwacken, Wie auch wohlgemut ich sei, Denk' ich jene roten Backen, Und ich wunsche sie herbei.» Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht gar bald herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfaltigen Reinschrift, wie er sie vor Jahren mit lateinischen Lettern, gro? Oktav, zierlichst verfa?t hatte. Die kostliche Brieftasche von bedeutender Gro?e nahm das Werk ganz bequem auf, und nicht leicht hat ein Autor sich so prachtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen dazu waren hochst notwendig; Prosaisches aber kaum zulassig. Jene Stelle des Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache zu ziehen. Sie hie?: «Nex factas solum vestes spectare juvabat, Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti.» Zu Deutsch: «Ich sah's in meisterlichen Handen — Wie denk' ich gern der schonen Zeit! — Sich erst entwickeln, dann vollenden Zu nie gesehner Herrlichkeit. Zwar ich besitz' es gegenwartig, Doch soll ich mir nur selbst gestehn: Ich wollt', es ware noch nicht fertig, Das Machen war doch gar zu schon!» Mit diesem Ubertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte, da? er das schon flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes Substantivum verandert habe, und es verdro? ihn, bei allem Nachdenken die Stelle doch nicht verbessern zu konnen. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln. Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen, noch ganz artig fand und glauben durfte, da? ein Frauenzimmer es ganz wohl aufnehmen wurde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: da?, da man in Versen nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als kunftiger Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso geschickten als hubschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese durch die neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es gefahrlich, eine schone Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von ferne, verglichen, im Mittelpunkte eines ausgebreiteten Netzes schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der geistreichen Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken, welcher diese Nachbildung ausgewittert hatte. Wie sich nun der Freund aus einer solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt geblieben, und wir mussen diesen Fall unter diejenigen rechnen, uber welche die Musen auch wohl einen Schleier zu werfen sich die Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst ward abgesendet, von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben. Der Leser desselben belustigt sich an der entschiedenen Jagdliebhaberei und allem, was sie begunstigen mag; erfreulich ist der Jahreszeitenwechsel, der sie mannigfaltig aufruft und anregt. Die Eigenheiten samtlicher Geschopfe, denen man nachstellt, die man zu erlegen gesinnt ist, die verschiedenen Charaktere der Jager, die sich dieser Lust, dieser Muhe hingeben, die Zufalligkeiten, wie sie befordern oder schadigen: alles war, besonders was auf das Geflugel Bezug hatte, mit der besten Laune dargestellt und mit gro?er Eigentumlichkeit behandelt. Von der Auerhahnbalz bis zum zweiten Schnepfenstrich und von da bis zur Rabenhutte war nichts versaumt, alles wohl gesehen, klar aufgenommen, leidenschaftlich verfolgt, leicht und scherzhaft, oft ironisch dargestellt. Jenes elegische Thema klang jedoch durch das Ganze durch; es war mehr als ein Abschied von diesen Lebensfreuden verfa?t, wodurch es zwar einen gefuhlvollen Anstrich des heiter Durchlebten gewann und sehr wohltatig wirkte, aber doch zuletzt, wie jene Sinnspruche, nach dem Genu? ein gewisses Leere empfinden lie?. War es das Umblattern dieser Papiere oder sonst ein augenblickliches Mi?befinden, der Major fuhlte sich nicht heiter gestimmt. Da? die Jahre, die zuerst eine schone Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach und nach wieder entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand, auf einmal lebhaft zu fuhlen. Eine versaumte Badereise, ein ohne Genu? verstrichener Sommer, Mangel an stetiger gewohnter Bewegung, alles lie? ihn gewisse korperliche Unbequemlichkeiten empfinden, die er fur wirkliche Ubel nahm und sich ungeduldiger dabei bewies, als billig sein mochte. Wie aber den Frauen der Augenblick, wo ihre bisher unbestrittene Schonheit zweifelhaft werden will, hochst peinlich ist, so wird den Mannern in gewissen Jahren, obgleich noch im volligen Vigor, das leiseste Gefuhl einer unzulanglichen Kraft au?erst unangenehm, ja gewisserma?en angstlich. Ein anderer eintretender Umstand jedoch, der ihn hatte beunruhigen sollen, verhalf ihm zu der besten Laune. Sein kosmetischer Kammerdiener, der ihn auch bei dieser Landpartie nicht verlassen hatte, schien einige Zeit her einen andern Weg einzuschlagen, wozu ihn fruhes Aufstehn des Majors, tagliches Ausreiten und Umhergehen desselben sowie der Zutritt mancher Beschaftigten, auch bei der Gegenwart des Obermarschalls mehrerer Geschaftslosen zu notigen schien. Mit allen Kleinigkeiten, die nur die Sorgfalt eines Mimen zu beschaftigen das Recht hatten, lie? er den Major schon einige Zeit verschont, aber desto strenger hielt er auf einige Hauptpunkte, welche bisher durch ein geringeres Hokuspokus waren verschleiert gewesen. Alles, was nicht nur den Schein der Gesundheit bezwecken, sondern was die Gesundheit selbst aufrechterhalten sollte, ward eingescharft, besonders aber Ma? in allem und Abwechselung nach den Vorkommenheiten, Sorgfalt sodann fur Haut und Haare, fur Augenbrauen und Zahne, fur Hande und Nagel, fur deren zierlichste Form und schicklichste Lange der Wissende schon langer gesorgt hatte. Dabei wurde Ma?igung aber- und abermals in allem, was den Menschen aus seinem Gleichgewicht zu bringen pflegt, dringend anempfohlen, worauf denn dieser Schonheits-Erhaltungs-Lehrer sich seinen Abschied erbat, weil er seinem Herrn nichts mehr nutze sei. Indes konnte man denken, da? er sich doch wohl wieder zu seinem vorigen Patron zuruckwunschen mochte, um den mannigfaltigen Vergnugungen eines theatralischen Lebens fernerhin sich ergeben zu konnen. Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben zu sein. Der verstandige Mann braucht sich nur zu ma?igen, so ist er auch glucklich. Er mochte sich der herkommlichen Bewegung des Reitens, der Jagd und was sich daran knupft, wieder mit Freiheit bedienen, die Gestalt Hilariens trat in solchen einsamen Momenten wieder freudig hervor, und er fugte sich in den Zustand des Brautigams, vielleicht den anmutigsten, der uns in dem gesitteten Kreise des Lebens gegonnt ist. Schon einige Monate waren die samtlichen Familienglieder ohne besondere Nachricht voneinander geblieben; der Major beschaftigte sich, in der Residenz gewisse Einwilligungen und Bestatigungen seines Geschafts abschlie?lich zu negoziieren; die Baronin und Hilarie richteten ihre Tatigkeit auf die heiterste, reichlichste Ausstattung; der Sohn, seiner Schonen mit Leidenschaft dienstpflichtig, schien hieruber alles zu vergessen. Der Winter war angekommen und umgab alle landlichen Wohnungen mit unerfreulichen Sturmregen und fruhzeitigen Finsternissen. Wer heute durch eine dustre Novembernacht sich in der Gegend des adeligen Schlosses verirrt hatte und bei dem schwachen Lichte eines bedeckten Mondes Acker, Wiesen, Baumgruppen, Hugel und Gebusche duster vor sich liegen sahe, auf einmal aber bei einer schnellen Wendung um eine Ecke die ganz erleuchtete Fensterreihe eines langen Gebaudes vor sich erblickte, er hatte gewi? geglaubt, eine festlich geschmuckte Gesellschaft dort anzutreffen. Wie sehr verwundert mu?te er aber sein, von wenigen Bedienten erleuchtete Treppen hinaufgefuhrt, nur drei Frauenzimmer, die Baronin, Hilarien und das Kammermadchen, in hellen Zimmern zwischen klaren Wanden, neben freundlichem Hausrat, durchaus erwarmt und behaglich, zu erblicken. Da wir nun aber die Baronin in einem festlichen Zustande zu uberraschen glauben, so ist es notwendig, zu bemerken, da? diese glanzende Erleuchtung hier nicht als au?erordentlich anzusehen sei, sondern zu den Eigenheiten gehore, welche die Dame aus ihrem fruhern Leben mit herubergebracht hatte. Als Tochter einer Oberhofmeisterin, bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen ubrigen Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung zum Element aller ihrer Genusse zu machen. Zwar an Wachskerzen fehlte es niemals, aber einer ihrer altesten Diener hatte so gro?e Lust an Kunstlichkeiten, da? nicht leicht eine neue Lampenart entdeckt wurde, die er im Schlosse hie und da einzufuhren nicht ware bemuht gewesen, wodurch denn zwar die Erhellung mitunter lebhaft gewann, aber auch wohl gelegentlich hie und da eine partielle Finsternis eintrat. Die Baronin hatte den Zustand einer Hofdame durch Verbindung mit einem bedeutenden Gutsbesitzer und entschiedenen Landwirt aus Neigung und wohlbedachtig vertauscht, und ihr einsichtiger Gemahl hatte, da ihr das Landliche anfangs nicht zusagte, mit Einstimmung seiner Nachbarn, ja nach den Anordnungen der Regierung, die Wege mehrere Meilen ringsumher so gut hergestellt, da? die nachbarlichen Verbindungen nirgends in so gutem Stande gefunden wurden; doch war eigentlich bei dieser loblichen Anstalt die Hauptabsicht, da? die Dame, besonders zur guten Jahrszeit, uberall hinrollen konnte; dagegen aber im Winter gern hauslich bei ihm verweilte, indem er durch Erleuchtung die Nacht dem Tag gleich zu machen wu?te. Nach dem Tode des Gemahls gab die leidenschaftliche Sorge fur ihre Tochter genugsame Beschaftigung, der oftere Besuch des Bruders herzliche Unterhaltung und die gewohnte Klarheit der Umgebung ein Behagen, das einer wahren Befriedigung gleichsah. Den heutigen Tag war jedoch diese Erleuchtung recht am Platze; denn wir sehen in einem der Zimmer eine Art von Christbescherung aufgestellt, in die Augen fallend und glanzend. Das kluge Kammermadchen hatte den Kammerdiener dahin vermocht, die Erleuchtung zu steigern, und dabei alles zusammengelegt und ausgebreitet, was zur Ausstattung Hilariens bisher vorgearbeitet worden, eigentlich in der listigen Absicht, mehr das Fehlende zur Sprache zu bringen als dasjenige zu erheben, was schon geleistet war. Alles Notwendige fand sich, und zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten Arbeit; auch an Willkurlichem war kein Mangel, und doch wu?te Ananette uberall da noch eine Lucke anschaulich zu machen, wo man ebensogut den schonsten Zusammenhang hatte finden konnen. Wenn nun alles Wei?zeug, stattlich ausgekramt, die Augen blendete, Leinwand, Musselin und alle die zarteren Stoffe der Art, wie sie auch Namen haben mogen, genugsames Licht umherwarfen, so fehlte doch alles bunte Seidene, mit dessen Ankauf man weislich zogerte, weil man bei sehr veranderlicher Mode das Allerneueste als Gipfel und Abschlu? hinzufugen wollte. Nach diesem heitersten Anschauen schritten sie wieder zu ihrer gewohnlichen, obgleich mannigfaltigen Abendunterhaltung. Die Baronin, die recht gut erkannte, was ein junges Frauenzimmer, wohin das Schicksal sie auch fuhren mochte, bei einem glucklichen Au?ern auch von innen heraus anmutig und ihre Gegenwart wunschenswert macht, hatte in diesem landlichen Zustande so viele abwechselnde und bildende Unterhaltungen einzuleiten gewu?t, da? Hilarie bei ihrer gro?en Jugend schon uberall zu Hause schien, bei keinem Gesprach sich fremd erwies und doch dabei ihren Jahren vollig gema? sich erzeigte. Wie dies geleistet werden konnte, zu entwickeln, wurde zu weitlaufig sein; genug, dieser Abend war auch ein Musterbild des bisherigen Lebens. Ein geistreiches Lesen, ein anmutiges Pianospiel, ein lieblicher Gesang zog sich durch die Stunden durch, zwar wie sonst gefallig und regelma?ig, aber doch mit mehr Bedeutung; man hatte einen Dritten im Sinne, einen geliebten, verehrten Mann, dem man dieses und so manches andere zum freundlichsten Empfang vorubte. Es war ein brautliches Gefuhl, das nicht nur Hilarien mit den su?esten Empfindungen belebte; die Mutter mit feinem Sinne nahm ihren reinen Teil daran, und selbst Ananette, sonst nur klug und tatig, mu?te sich gewissen entfernten Hoffnungen hingeben, die ihr einen abwesenden Freund als zuruckkehrend, als gegenwartig vorspiegelten. Auf diese Weise hatten sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswurdigen Frauen mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohltatigen Warme, mit dem behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt. Heftiges Pochen und Rufen an dem au?ersten Tor, Wortwechsel drohender und fordernder Stimmen, Licht- und Fackelschein im Hofe unterbrachen den zarten Gesang. Aber gedampft war der Larm, ehe man dessen Ursache erfahren hatte; doch ruhig ward es nicht, auf der Treppe Gerausch und lebhaftes Hin- und Hersprechen heraufkommender Manner. Die Ture sprang auf ohne Meldung, die Frauen entsetzten sich. Flavio sturzte herein in schauderhafter Gestalt, verworrenen Hauptes, auf dem die Haare teils borstig starrten, teils vom Regen durchna?t niederhingen; zerfetzten Kleides, wie eines, der durch Dorn und Dickicht durchgesturmt, greulich beschmutzt, als durch Schlamm und Sumpf herangewadet. «Mein Vater!«rief er aus,»wo ist mein Vater?«Die Frauen standen besturzt; der alte Jager, sein fruhster Diener und liebevollster Pfleger, mit ihm eintretend, rief ihm zu:»Der Vater ist nicht hier, besanftigen Sie sich; hier ist Tante, hier ist Nichte, sehen Sie hin!«—»Nicht hier, nun so la?t mich weg, ihn zu suchen; er allein soll's horen, dann will ich sterben. La?t mich von den Lichtern weg, von dem Tag, er blendet mich, er vernichtet mich.» Der Hausarzt trat ein, ergriff seine Hand, vorsichtig den Puls fuhlend, mehrere Bediente standen angstlich umher. — »Was soll ich auf diesen Teppichen, ich verderbe sie, ich zerstore sie; mein Ungluck trauft auf sie herunter, mein verworfenes Geschick besudelt sie.«— Er drangte sich gegen die Ture, man benutzte das Betreben, um ihn wegzufuhren und in das entfernte Gastzimmer zu bringen, das der Vater zu bewohnen pflegte. Mutter und Tochter standen erstarrt, sie hatten Orest gesehen, von Furien verfolgt, nicht durch Kunst veredelt, in greulicher, widerwartiger Wirklichkeit, die im Kontrast mit einer behaglichen Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto furchterlicher schien. Erstarrt sahen die Frauen sich an, und jede glaubte in den Augen der andern das Schreckbild zu sehen, das sich so tief in die ihrigen eingepragt hatte. Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf Bedienten, sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung, da? man ihn auskleide, trockne, besorge; halb gegenwartig, halb unbewu?t lasse er alles geschehen. Wiederholtes Anfragen wurde zur Geduld verwiesen. Endlich vernahmen die beangstigten Frauen, man habe ihm zur Ader gelassen und sonst alles Besanftigende moglichst angewendet; er sei zur Ruhe gebracht, man hoffe Schlaf. Mitternacht kam heran, die Baronin verlangte, wenn er schlafe, ihn zu sehen; der Arzt widerstand, der Arzt gab nach; Hilarie drangte sich mit der Mutter herein. Das Zimmer war dunkel, nur eine Kerze dammerte hinter dem grunen Schirm, man sah wenig, man horte nichts; die Mutter naherte sich dem Bette, Hilarie, sehnsuchtsvoll, ergriff das Licht und beleuchtete den Schlafenden. So lag er abgewendet, aber ein hochst zierliches Ohr, eine volle Wange, jetzt bla?lich, schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das anmutigste hervor, eine ruhende Hand und ihre langlichen, zartkraftigen Finger zogen den unsteten Blick an. Hilarie, leise atmend, glaubte selbst einen leisen Atem zu vernehmen, sie naherte die Kerze, wie Psyche in Gefahr, die heilsamste Ruhe zu storen. Der Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern. Wie diese guten, alles Anteils wurdigen Personen ihre nachtlichen Stunden zugebracht, ist uns ein Geheimnis geblieben; den andern Morgen aber von fruh an zeigten sich beide hochst ungeduldig. Des Anfragens war kein Ende, der Wunsch, den Leidenden zu sehen, bescheiden, doch dringend; nur gegen Mittag erlaubte der Arzt einen kurzen Besuch. Die Baronin trat hinzu, Flavio reichte die Hand hin — »Verzeihung, liebste Tante, einige Geduld, vielleicht nicht lange«— Hilarie trat hervor, auch ihr gab er die Rechte — »Gegru?t, liebe Schwester«— das fuhr ihr durchs Herz, er lie? nicht los, sie sahen einander an, das herrlichste Paar, kontrastierend im schonsten Sinne. Des Junglings schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den dustern, verwirrten Locken; dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch zu dem erschutternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart. Die Benennung» Schwester«— ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die Baronin sprach:»Wie geht es, lieber Neffe?«—»Ganz leidlich, aber man behandelt mich ubel.«—»Wieso?«—»Da haben sie mir Blut gelassen, das ist grausam; sie haben es weggeschafft, das ist frech; es gehort ja nicht mein, es gehort alles, alles ihre. «Mit diesen Worten schien sich seine Gestalt zu verwandeln, doch mit hei?en Tranen verbarg er sein Antlitz ins Kissen. Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck, es war, als wenn das liebe Kind die Pforten der Holle vor sich eroffnet sahe, zum erstenmal ein Ungeheures erblickte und fur ewig. Rasch, leidenschaftlich eilte sie durch den Saal, warf sich im letzten Kabinett auf den Sofa, die Mutter folgte und fragte, was sie leider schon begriff. Hilarie, wundersam aufblickend, rief:»Das Blut, das Blut, es gehort alles ihre, alles ihre, und sie ist es nicht wert. Der Ungluckselige! der Arme!«Mit diesen Worten erleichterte der bitterste Tranenstrom das bedrangte Herz. Wer unternahme es wohl, die aus dem Vorhergehenden sich entwickelnden Zustande zu enthullen, an den Tag zu bringen das innere, aus dieser ersten Zusammenkunft den Frauen erwachsende Unheil? Auch dem Leidenden war sie hochst schadlich, so behauptete wenigstens der Arzt, der zwar oft genug zu berichten und zu trosten kam, aber sich doch verpflichtet fuhlte, alles weitere Annahern zu verbieten. Dabei fand er auch eine willige Nachgiebigkeit, die Tochter wagte nicht zu verlangen, was die Mutter nicht zugegeben hatte, und so gehorchte man dem Gebot des verstandigen Mannes. Dagegen brachte er aber die beruhigende Nachricht, Flavio habe Schreibzeug verlangt, auch einiges aufgezeichnet, es aber sogleich neben sich im Bette versteckt. Nun gesellte sich Neugierde zu der ubrigen Unruhe und Ungeduld, es waren peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch ein Blattchen von schoner, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es enthielt folgende Zeilen: «Ein Wunder ist der arme Mensch geboren, In Wundern ist der irre Mensch verloren, Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte? Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte Gewahr', empfind' ich Nacht und Tod und Holle.» Hier nun konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Krafte erweisen. Innig verschmolzen mit Musik, heilt sie alle Seelenleiden aus dem Grunde, indem sie solche gewaltig anregt, hervorruft und in auflosenden Schmerzen verfluchtigt. Der Arzt hatte sich uberzeugt, da? der Jungling bald wieder herzustellen sei; korperlich gesund, werde er schnell sich wieder froh fuhlen, wenn die auf seinem Geist lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern ware. Hilarie sann auf Erwiderung; sie sa? am Flugel und versuchte die Zeilen des Leidenden mit Melodie zu begleiten. Es gelang ihr nicht, in ihrer Seele klang nichts zu so tiefen Schmerzen; doch bei diesem Versuch schmeichelten Rhythmus und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen an, da? sie jenem Gedicht mit lindernder Heiterkeit entgegnete, indem sie sich Zeit nahm, folgende Strophe auszubilden und abzurunden: «Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren, So bleibst du doch zum Jugendgluck geboren; Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte, Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und Helle, Empfinde dich in treuer Guten Mitte, Da sprie?e dir des Lebens heitre Quelle.» Der arztliche Hausfreund ubernahm die Botschaft, sie gelang, schon erwiderte der Jungling gema?igt; Hilarie fuhr mildernd fort, und so schien man nach und nach wieder einen heitern Tag, einen freien Boden zu gewinnen, und vielleicht ist es uns vergonnt, den ganzen Verlauf dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen. Genug, einige Zeit verstrich in solcher Beschaftigung hochst angenehm; ein ruhiges Wiedersehen bereitete sich vor, das der Arzt nicht langer als notig zu verspaten gedachte. Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere sich beschaftigt, und diese dem gegenwartigen Zustande ganz angemessene Unterhaltung wirkte gar wundersam auf den erregten Geist. Sie sah manche Jahre ihres Lebens zuruck, schwere drohende Leiden waren vorubergegangen, deren Betrachtung den Mut fur den Moment kraftigte; besonders ruhrte sie die Erinnerung an ein schones Verhaltnis zu Makarien, und zwar in bedenklichen Zustanden. Die Herrlichkeit jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele gebracht und sogleich der Entschlu? gefa?t, sich auch diesmal an sie zu wenden: denn zu wem sonst hatte sie ihre gegenwartigen Gefuhle richten, wem sonst Furcht und Hoffnung offen bekennen sollen? Bei dem Aufraumen fand sie aber auch unter andern des Bruders Miniaturportrat und mu?te uber die Ahnlichkeit mit dem Sohne lachelnd seufzen. Hilarie uberraschte sie in diesem Augenblick, bemachtigte sich des Bildes, und auch sie ward von jener Ahnlichkeit wundersam betroffen. So verging einige Zeit; endlich mit Vergunstigung des Arztes und in seinem Geleite trat Flavio angemeldet zum Fruhstuck herein. Die Frauen hatten sich vor dieser ersten Erscheinung gefurchtet. Wie aber gar oft in bedeutenden, ja schrecklichen Momenten etwas Heiteres, ja Lacherliches sich zu ereignen pflegt, so gluckte es auch hier. Der Sohn kam vollig in des Vaters Kleidern; denn da von seinem Anzug nichts zu brauchen war, so hatte man sich der Feld- und Hausgarderobe des Majors bedient, die er, zu bequemem Jagd- und Familienleben, bei der Schwester in Verwahrung lie?. Die Baronin lachelte und nahm sich zusammen; Hilarie war, sie wu?te nicht wie, betroffen, genug, sie wendete das Gesicht weg, und dem jungen Manne wollte in diesem Augenblick weder ein herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase glucken. Um nun samtlicher Gesellschaft aus der Verlegenheit zu helfen, begann der Arzt eine Vergleichung beider Gestalten. Der Vater sei etwas gro?er, hie? es, und deshalb der Rock etwas zu lang; dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock uber die Schulter zu eng. Beide Mi?verhaltnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen. Durch diese Einzelheiten jedoch kam man uber das Bedenkliche des Augenblicks hinaus. Fur Hilarien freilich blieb die Ahnlichkeit des jugendlichen Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes unheimlich, ja bedrangend. Nun aber wunschten wir wohl den nachsten Zeitverlauf von einer zarten Frauenhand umstandlich geschildert zu sehen, da wir nach eigener Art und Weise uns nur mit dem Allgemeinsten befassen durfen. Hier mu? denn nun von dem Einflu? der Dichtkunst abermals die Rede sein. Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen, es bedurfte jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen Anlasses, wenn etwas Vorzugliches gelingen sollte; deswegen denn auch fast alle Gedichte, jener unwiderstehlichen Frau gewidmet, hochst eindringend und lobenswert erschienen und nun, einer gegenwartigen, hochst liebenswurdigen Schonen mit enthusiastischem Ausdruck vorgelesen, nicht geringe Wirkung hervorbringen mu?ten. Ein Frauenzimmer, das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht, bequemt sich gern zu der Rolle einer Vertrauten; sie hegt ein heimlich, kaum bewu?tes Gefuhl, da? es nicht unangenehm sein mu?te, sich an die Stelle der Angebeteten leise gehoben zu sehen. Auch ging die Unterhaltung immer mehr und mehr ins Bedeutende. Wechselgedichte, wie sie der Liebende gern verfa?t, weil er sich von seiner Schonen, wenn auch nur bescheiden, halb und halb kann erwidern lassen, was er wunscht und was er aus ihrem schonen Munde zu horen kaum erwarten durfte. Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen, und zwar, da es nur aus der einen Handschrift geschah, in welche man beiderseits, um zu rechter Zeit einzufallen, hineinschauen und zu diesem Zweck jedes das Bandchen anfassen mu?te, so fand sich, da? man, nahe sitzend, nach und nach Person an Person, Hand an Hand immer naher ruckte und die Gelenke sich ganz naturlich zuletzt im verborgenen beruhrten. Aber bei diesen schonen Verhaltnissen, unter solchen daraus entspringenden allerliebsten Annehmlichkeiten fuhlte Flavio eine schmerzliche Sorge, die er schlecht verbarg und, immerfort nach der Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu bemerken gab, da? er diesem das Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis indes ware, bei einigem Nachdenken, nicht schwer zu erraten gewesen. Jene reizende Frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen Jungling hervorgerufnen Momente den Unglucklichen entschieden abgewiesen und die bisher hartnackig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstort haben. Eine Szene, wie dies zugegangen, wagten wir nicht zu schildern, aus Furcht, hier mochte uns die jugendliche Glut ermangeln. Genug, er war so wenig bei sich selbst, da? er sich eiligst aus der Garnison ohne Urlaub entfernte und, um seinen Vater aufzusuchen, durch Nacht, Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante verzweifelnd zu gelangen trachtete, wie wir ihn auch vor kurzem haben ankommen sehen. Die Folgen eines solchen Schrittes fielen ihm nun bei Ruckkehr nuchterner Gedanken lebhaft auf, und er wu?te, da der Vater immer langer ausblieb und er die einzige mogliche Vermittlung entbehren sollte, sich weder zu fassen noch zu retten. Wie erstaunt und betroffen war er deshalb, als ihm ein Brief seines Obristen eingehandigt wurde, dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern und Bangigkeit aufloste, der aber nach den freundlichsten Worten damit endigte, da? der ihm erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte verlangert werden. So unerklarlich nun auch diese Gunst schien, so ward er doch dadurch von einer Last befreit, die sein Gemut fast angstlicher als die verschmahte Liebe selbst zu drucken begann. Er fuhlte nun ganz das Gluck, bei seinen liebenswurdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu sein; er durfte sich der Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach kurzem in allen seinen angenehm-geselligen Eigenschaften wiederhergestellt, die ihn der schonen Witwe selbst sowohl als ihrer Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und nur durch eine peremtorische Forderung ihrer Hand fur immer verfinstert worden. In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl erwarten, auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer tatigen Lebensweise aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie bisher in dem Schlo? zusammenhielt, hatte uberall, in gro?en Wassermassen niedergehend, Flu? um Flu? angeschwellt; es waren Damme gebrochen, und die Gegend unter dem Schlosse lag als ein blanker See, aus welchem die Dorfschaften, Meierhofe, gro?ere und kleinere Besitztumer, zwar auf Hugeln gelegen, doch immer nur inselartig hervorschauten. Auf solche zwar seltene, aber denkbare Falle war man eingerichtet; die Hausfrau befahl, und die Diener fuhrten aus. Nach der ersten allgemeinsten Beihulfe ward Brot gebacken, Stiere wurden geschlachtet, Fischerkahne fuhren hin und her, Hulfe und Vorsorge nach allen Enden hin verbreitend. Alles fugte sich schon und gut, das freundlich Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen, nur an einem Orte wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen; Flavio ubernahm das Geschaft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und glucklich zur Stelle. Das einfache Geschaft, einfach behandelt, gelang zum besten; auch entledigte sich, weiterfahrend, unser Jungling eines Auftrags, den ihm Hilarie beim Scheiden gegeben. Gerade in den Zeitpunkt dieser Ungluckstage war die Niederkunft einer Frau gefallen, fur die sich das schone Kind besonders interessierte. Flavio fand die Wochnerin und brachte allgemeinen und diesen besondern Dank mit nach Hause. Dabei konnte es nun an mancherlei Erzahlungen nicht fehlen. War auch niemand umgekommen, so hatte man von wunderbaren Rettungen, von seltsamen, scherzhaften, ja lacherlichen Ereignissen viel zu sprechen; manche notgedrungene Zustande wurden interessant beschrieben. Genug, Hilarie empfand auf einmal ein unwiderstehliches Verlangen, gleichfalls eine Fahrt zu unternehmen, die Wochnerin zu begru?en, zu beschenken und einige heitere Stunden zu verleben. Nach einigem Widerstand der guten Mutter siegte endlich der freudige Wille Hilariens, dieses Abenteuer zu bestehen, und wir wollen gern bekennen, in dem Laufe, wie diese Begebenheit uns bekannt geworden, einigerma?en besorgt gewesen zu sein, es moge hier einige Gefahr obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des Kahns, Lebensgefahr der Schonen, kuhne Rettung von seiten des Junglings, um das lose geknupfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war nicht die Rede, die Fahrt lief glucklich ab, die Wochnerin ward besucht und beschenkt; die Gesellschaft des Arztes blieb nicht ohne gute Wirkung, und wenn hier und da ein kleiner Ansto? sich hervortat, wenn der Anschein eines gefahrlichen Moments die Fortrudernden zu beunruhigen schien, so endete solches nur mit neckendem Scherz, da? eins dem andern eine angstliche Miene, eine gro?ere Verlegenheit, eine furchtsam Gebarde wollte abgemerkt haben. Indessen war das wechselseitige Vertrauen bedeutend gewachsen; die Gewohnheit, sich zu sehen und unter allen Umstanden zusammen zu sein, hatte sich verstarkt, und die gefahrliche Stellung, wo Verwandtschaft und Neigung zum wechselseitigen Annahern und Festhalten sich berechtigt glauben, ward immer bedenklicher. Anmutig sollten sie jedoch auf solchen Liebeswegen immer weiter und weiter verlockt werden. Der Himmel klarte sich auf, eine gewaltige Kalte, der Jahreszeit gema?, trat ein, die Wasser gefroren, ehe sie verlaufen konnten. Da veranderte sich das Schauspiel der Welt vor allen Augen auf einmal; was durch Fluten erst getrennt war, hing nunmehr durch befestigten Boden zusammen, und alsobald tat sich als erwunschte Vermittlerin die schone Kunst hervor, welche, die ersten raschen Wintertage zu verherrlichen und neues Leben in das Erstarrte zu bringen, im hohen Norden erfunden worden. Die Rustkammer offnete sich, jedermann suchte nach seinen gezeichneten Stahlschuhen, begierig, die reine, glatte Flache, selbst mit einiger Gefahr, als der erste zu beschreiten. Unter den Hausgenossen fanden sich viele zu hochster Leichtigkeit Geubte; denn dieses Vergnugen ward ihnen fast jedes Jahr auf benachbarten Seen und verbindenden Kanalen, diesmal aber in der fernhin erweiterten Flache. Flavio fuhlte sich nun erst durch und durch gesund, und Hilarie, seit ihren fruhsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so lieblich als kraftig auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich lustig und lustiger, bald zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald vereint. Scheiden und Meiden, was sonst so schwer aufs Herz fallt, ward hier zum kleinen, scherzhaften Frevel, man floh sich, um sich einander Augenblicks wieder zu finden. Aber innerhalb dieser Lust und Freudigkeit bewegte sich auch eine Welt des Bedurfnisses; immer waren bisher noch einige Ortschaften nur halb versorgt geblieben, eilig flogen nunmehr auf tuchtig bespannten Schlitten die notigsten Waren hin und wider, und was der Gegend noch mehr zugute kam, war, da? man aus manchen der vorubergehenden Hauptstra?e allzu fernen Orten nunmehr schnell die Erzeugnisse des Feldbaues und der Landwirtschaft in die nachsten Magazine der kleinen Stadte und Flecken bringen und von dorther aller Art Waren zuruckfuhren konnte. Nun war auf einmal eine bedrangte, den bittersten Mangel empfindende Gegend wieder befreit, wieder versorgt, durch eine glatte, dem Geschickten, dem Kuhnen geoffnete Flache verbunden. Auch das junge Paar unterlie? nicht, bei vorwaltendem Vergnugen mancher Pflichten einer liebevollen Anhanglichkeit zu gedenken. Man besuchte jene Wochnerin, begabte sie mit allem Notwendigen; auch andere wurden heimgesucht: Alte, fur deren Gesundheit man besorgt gewesen; Geistliche, mit denen man erbauliche Unterhaltung sittlich zu pflegen gewohnt war und sie jetzt in dieser Prufung noch achtenswerter fand; kleinere Gutsbesitzer, die kuhn genug vor Zeiten sich in gefahrliche Niederungen angebaut, diesmal aber, durch wohlangelegte Damme geschutzt, unbeschadigt geblieben — und nach grenzenloser Angst sich ihres Daseins doppelt erfreuten. Jeder Hof, jedes Haus, jede Familie, jeder einzelne hatte seine Geschichte, er war sich und auch wohl andern eine bedeutende Person geworden, deswegen fiel auch einer dem andern Erzahlenden leicht in die Rede. Eilig war jeder im Sprechen und Handeln, Kommen und Gehen, denn es blieb immer die Gefahr, ein plotzliches Tauwetter mochte den ganzen schonen Kreis glucklichen Wechselwirkens zerstoren, die Wirte bedrohen und die Gaste vom Hause abschneiden. War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten Interesse beschaftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die angenehmsten Stunden; denn das hat die Eislust vor allen andern korperlichen Bewegungen voraus, da? die Anstrengung nicht erhitzt und die Dauer nicht ermudet. Samtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Krafte zu erzeugen, so da? zuletzt eine selig bewegte Ruhe uber uns kommt, in der wir uns zu wiegen immerfort gelockt sind. Heute nun konnte sich unser junges Paar von dem glatten Boden nicht loslosen, jeder Lauf gegen das erleuchtete Schlo?, wo sich schon viele Gesellschaft versammelte, ward plotzlich umgewendet und eine Ruckkehr ins Weite beliebt; man mochte sich nicht voneinander entfernen, aus Furcht, sich zu verlieren, man fa?te sich bei der Hand, um der Gegenwart ganz gewi? zu sein. Am allersu?esten aber schien die Bewegung, wenn uber den Schultern die Arme verschrankt ruhten und die zierlichen Finger unbewu?t in beiderseitigen Locken spielten. Der volle Mond stieg zu dem gluhenden Sternenhimmel herauf und vollendete das Magische der Umgebung. Sie sahen sich wieder deutlich und suchten wechselseitig in den beschatteten Augen Erwiderung wie sonst, aber es schien anders zu sein. Aus ihren Abgrunden schien ein Licht hervorzublicken und anzudeuten, was der Mund weislich verschwieg, sie fuhlten sich beide in einem festlich behaglichen Zustande. Alle hochstammigen Weiden und Erlen an den Graben, alles niedrige Gebusch auf Hohen und Hugeln war deutlich geworden; die Sterne flammten, die Kalte war gewachsen, sie fuhlten nichts davon und fuhren dem lang daherglitzernden Widerschein des Mondes, unmittelbar dem himmlischen Gestirn selbst entgegen. Da blickten sie auf und sahen im Geflimmer des Widerscheins die Gestalt eines Mannes hin und her schweben, der seinen Schatten zu verfolgen schien und selbst dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt: unwillkurlich wendeten sie sich ab, jemanden zu begegnen ware widerwartig gewesen. Sie vermieden die immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt schien sie nicht bemerkt zu haben und verfolgte ihren geraden Weg nach dem Schlosse. Doch verlie? sie auf einmal diese Richtung und umkreiste mehrmals das fast beangstigte Paar. Mit einiger Besonnenheit suchten sie fur sich die Schattenseite zu gewinnen, im vollen Mondglanz fuhr jener auf sie zu, er stand nah vor ihnen, es war unmoglich, den Vater zu verkennen. Hilarie, den Schritt anhaltend, verlor in Uberraschung das Gleichgewicht und sturzte zu Boden, Flavio lag zu gleicher Zeit auf einem Knie und fa?te ihr Haupt in seinen Scho? auf, sie verbarg ihr Angesicht, sie wu?te nicht, wie ihr geworden war. — »Ich hole einen Schlitten, dort unten fahrt noch einer voruber, ich hoffe, sie hat sich nicht beschadigt; hier, bei diesen hohen drei Erlen find' ich euch wieder!«so sprach der Vater und war schon weit hinweg. Hilarie raffte sich an dem Jungling empor. — »La? uns fliehen«, rief sie,»das ertrag' ich nicht.«— Sie bewegte sich nach der Gegenseite des Schlosses heftig, da? Flavio sie nur mit einiger Anstrengung erreichte, er gab ihr die freundlichsten Worte. Auszumalen ist nicht die innere Gestalt der drei nunmehr nachtlich auf der glatten Flache im Mondschein Verirrten, Verwirrten. Genug, sie gelangten spat nach dem Schlosse, das junge Paar einzeln, sich nicht zu beruhren, sich nicht zu nahern wagend, der Vater mit dem leeren Schlitten, den er vergebens ins Weite und Breite hilfreich herumgefuhrt hatte. Musik und Tanz waren schon im Gange, Hilarie, unter dem Vorwand schmerzlicher Folgen eines schlimmen Falles, verbarg sich in ihr Zimmer, Flavio uberlie? Vortanz und Anordnung sehr gern einigen jungen Gesellen, die sich deren bei seinem Au?enbleiben schon bemachtigt hatten. Der Major kam nicht zum Vorschein und fand es wunderlich, obgleich nicht unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt anzutreffen, die eignen Kleider, Wasche und Geratschaften, nur nicht so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die Hausfrau versah mit anstandigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie, als alle Gaste, schicklich untergebracht, ihr endlich Raum lie?en, mit dem Bruder sich zu erklaren. Es war bald getan, doch brauchte es Zeit, sich von der Uberraschung zu erholen, das Unerwartete zu begreifen, die Zweifel zu heben, die Sorge zu beschwichtigen; an Losung des Knotens, an Befreiung des Geistes war nicht sogleich zu denken. Unsere Leser uberzeugen sich wohl, da? von diesem Punkte an wir beim Vortrag unserer Geschichte nicht mehr darstellend, sondern erzahlend und betrachtend verfahren mussen, wenn wir in die Gemutszustande, auf welche jetzt alles ankommt, eindringen und sie uns vergegenwartigen wollen. Wir berichten also zuerst, da? der Major, seitdem wir ihn aus den Augen verloren, seine Zeit fortwahrend jenem Familiengeschaft gewidmet, dabei aber, so schon und einfach es auch vorlag, doch in manchem Einzelnen auf unerwartete Hindernisse traf. Wie es denn uberhaupt so leicht nicht ist, einen alten verworrenen Zustand zu entwickeln und die vielen verschrankten Faden auf einen Knaul zu winden. Da er nun deshalb den Ort ofters verandern mu?te, um bei verschiedenen Stellen und Personen die Angelegenheit zu betreiben, so gelangten die Briefe der Schwester nur langsam und unordentlich zu ihm. Die Verirrung des Sohnes und dessen Krankheit erfuhr er zuerst; dann horte er von einem Urlaub, den er nicht begriff. Da? Hilariens Neigung im Umwenden begriffen sei, blieb ihm verborgen, denn wie hatte die Schwester ihn davon unterrichten mogen! Auf die Nachricht der Uberschwemmung beschleunigte er seine Reise, kam jedoch erst nach eingefallenem Frost in die Nahe der Eisfelder, schaffte sich Schrittschuhe, sendete Knechte und Pferde durch einen Umweg nach dem Schlosse, und sich mit raschem Lauf dorthin bewegend, gelangte er, die erleuchteten Fenster schon von ferne schauend, in einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten Anschauen und war mit sich selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten. Der Ubergang von innerer Wahrheit zum au?ern Wirklichen ist im Kontrast immer schmerzlich; und sollte Lieben und Bleiben nicht eben die Rechte haben wie Scheiden und Meiden? Und doch, wenn sich eins vom andern losrei?t, entsteht in der Seele eine ungeheure Kluft, in der schon manches Herz zugrunde ging. Ja der Wahn hat, solange er dauert, eine unuberwindliche Wahrheit, und nur mannliche, tuchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhoht und gestarkt. Eine solche Entdeckung hebt sie uber sich selbst, sie stehen uber sich erhoben und blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten. Unzahlig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in solchen Augenblicken versetzt sieht; unzahlig die Mittel, welche eine erfinderische Natur innerhalb ihrer eigenen Krafte zu entdecken, sodann aber auch, wenn diese nicht auslangen, au?erhalb ihres Bereichs freundlich anzudeuten wei?. Zu gutem Gluck jedoch war der Major durch ein halbes Bewu?tsein, ohne sein Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im tiefsten vorbereitet. Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener verabschiedet, sich seinem naturlichen Lebensgange wieder uberlassen, auf den Schein Anspruche zu machen aufgehort hatte, empfand er sich am eigentlichen korperlichen Behagen einigerma?en verkurzt. Er empfand das Unangenehme eines Uberganges vom ersten Liebhaber zum zartlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr sich ihm aufdringen. Die Sorgfalt fur das Schicksal Hilariens und der Seinigen trat immer zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefuhl von Liebe, von Hang, von Verlangen annahernder Gegenwart sich erst spater entfaltete. Und wenn er sich Hilarien in seinen Armen dachte, so war es ihr Gluck, was er beherzigte, das er ihr zu schaffen wunschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er mu?te sich, wenn er ihres Andenkens rein genie?en wollte, zuerst ihre himmlisch ausgesprochene Neigung, er mu?te jenen Augenblick denken, wo sie sich ihm so unverhofft gewidmet hatte. Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich gesehen, die Liebenswurdigste zusammensturzend, in dem Scho?e des Junglings, beide seiner verhei?enen hulfreichen Wiederkunft nicht achtend, ihn an dem genau bezeichneten Orte nicht erwartend, verschwunden in die Nacht, und er sich selbst im dustersten Zustande uberlassen: wer fuhlte das mit und verzweifelte nicht in seine Seele? Die an Vereinigung gewohnte, auf nahere Vereinigung hoffende Familie hielt sich besturzt auseinander; Hilarie blieb hartnackig auf ihrem Zimmer, der Major nahm sich zusammen, von seinem Sohne den fruheren Hergang zu erfahren. Das Unheil war durch einen weiblichen Frevel der schonen Witwe verursacht. Um ihren bisher leidenschaftlichen Verehrer Flavio einer andern Liebenswurdigen, welche Absicht auf ihn verriet, nicht zu uberlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst, als billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine Zwecke heftig bis ins Ungehorige zu verfolgen, woruber denn erst Widerwartigkeit und Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen Verhaltnis unwiederbringlich ein Ende macht. Vaterlicher Milde bleibt nichts ubrig, als die Fehler der Kinder, wenn sie traurige Folgen haben, zu bedauern und, wo moglich, herzustellen; gehen sie la?licher, als zu hoffen war, voruber, sie zu verzeihen und zu vergessen. Nach wenigem Bedenken und Bereden ging Flavio sodann, um an der Stelle seines Vaters manches zu besorgen, auf die ubernommenen Guter und sollte dort bis zum Ablauf seines Urlaubs verweilen, dann sich wieder ans Regiment anschlie?en, welches indessen in eine andere Garnison verlegt worden. Eine Beschaftigung mehrerer Tage war es fur den Major, Briefe und Pakete zu eroffnen, welche sich wahrend seines langeren Ausbleibens bei der Schwester gehauft hatten. Unter andern fand er ein Schreiben jenes kosmetischen Freundes, des wohlkonservierten Schauspielers. Dieser, durch den verabschiedeten Kammerdiener benachrichtigt von dem Zustande des Majors und von dem Vorsatze, sich zu verheiraten, trug mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man bei einem solchen Unternehmen vor Augen haben sollte; er behandelte die Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken, da? fur einen Mann in gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei, sich des schonen Geschlechts zu enthalten und einer loblichen, bequemen Freiheit zu genie?en. Nun zeigte der Major lachelnd das Blatt seiner Schwester, zwar scherzend, aber doch ernstlich genug auf die Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend. Auch war ihm indessen ein Gedicht eingefallen, dessen rhythmische Ausfuhrung uns nicht gleich beigeht, dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige Wendung sich auszeichnete: «Der spate Mond, der zur Nacht noch anstandig leuchtet, verbla?t vor der aufgehenden Sonne; der Liebeswahn des Alters verschwindet in Gegenwart leidenschaftlicher Jugend; die Fichte, die im Winter frisch und kraftig erscheint, sieht im Fruhling verbraunt und mi?farbig aus, neben hell aufgrunender Birke.» Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die entscheidenden Helferinnen zu einer endlichen Entschlie?ung hier vorzuglich preisen; denn wie ein kleines Ereignis die wichtigsten Folgen haben kann, so entscheidet es auch oft, wo schwankende Gesinnungen obwalten, die Waage dieser oder jener Seite zuneigend. Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen, und er furchtete, den zweiten zu verlieren. An eine kunstlich scheinbare Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken, und mit diesem Mangel um eine junge Geliebte zu werben, fing an, ihm ganz erniedrigend zu scheinen, besonders jetzt, da er sich mit ihr unter einem Dach befand. Fruher oder spater hatte vielleicht ein solches Ereignis wenig gewirkt, gerade in diesem Augenblicke aber trat ein solcher Moment ein, der einem jeden an eine gesunde Vollstandigkeit gewohnten Menschen hochst widerwartig begegnen mu?. Es ist ihm, als wenn der Schlu?stein seines organischen Wesens entfremdet ware und das ubrige Gewolbe nun auch nach und nach zusammenzusturzen drohte. Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar bald einsichtig und verstandig uber die so verwirrt scheinende Angelegenheit; sie mu?ten beide bekennen, da? sie eigentlich nur durch einen Umweg ans Ziel gelangt seien, ganz nahe daran, von dem sie sich zufallig, durch au?ern Anla?, durch Irrtum eines unerfahrnen Kindes verleitet, unbedachtsam entfernt; sie fanden nichts naturlicher, als auf diesem Wege zu verharren, eine Verbindung beider Kinder einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt, wozu sie sich die Mittel zu verschaffen gewu?t, treu und unablassig zu widmen. Vollig in Ubereinstimmung mit dem Bruder, ging die Baronin zu Hilarien ins Zimmer. Diese sa? am Flugel, zu eigner Begleitung singend und die eintretende Begru?ende mit heiterem Blick und Beugung zum Anhoren gleichsam einladend. Es war ein angenehmes, beruhigendes Lied, das eine Stimmung der Sangerin aussprach, die nicht besser ware zu wunschen gewesen. Nachdem sie geendigt hatte, stand sie auf, und ehe die altere Bedachtige ihren Vortrag beginnen konnte, fing sie zu sprechen an:»Beste Mutter! es war schon, da? wir uber die wichtigste Angelegenheit so lange geschwiegen; ich danke Ihnen, da? Sie bis jetzt diese Saite nicht beruhrten, nun aber ist es wohl Zeit, sich zu erklaren, wenn es Ihnen gefallig ist. Wie denken Sie sich die Sache?» Die Baronin, hochst erfreut uber die Ruhe und Milde, zu der sie ihre Tochter gestimmt fand, begann sogleich ein verstandiges Darlegen der fruhern Zeit, der Personlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste; sie gab den Eindruck zu, den der einzige Mann von Wert, der einem jungen Madchen so nahe bekannt geworden, auf ein freies Herz notwendig machen musse, und wie sich daraus, statt kindlicher Ehrfurcht und Vertrauen, gar wohl eine Neigung, die als Liebe, als Leidenshaft sich zeige, entwickeln konne. Hilarie horte aufmerksam zu und gab durch bejahende Mienen und Zeichen ihre vollige Einstimmung zu erkennen; die Mutter ging auf den Sohn uber, und jene lie? ihre langen Augenwimpern fallen; und wenn die Rednerin nicht so ruhmliche Argumente fur den Jungeren fand, als sie fur den Vater anzufuhren gewu?t hatte, so hielt sie sich hauptsachlich an die Ahnlichkeit beider, an den Vorzug, den diesem die Jugend gebe, der zugleich, als vollkommen gattlicher Lebensgefahrte gewahlt, die vollige Verwirklichung des vaterlichen Daseins von der Zeit wie billig verspreche. Auch hierin schien Hilarie gleichstimmig zu denken, obschon ein etwas ernsterer Blick und ein manchmal niederschauendes Auge eine gewisse in diesem Fall hochst naturliche innere Bewegung verrieten. Auf die au?eren glucklichen, gewisserma?en gebietenden Umstande lenkte sich hierauf der Vortrag. Der abgeschlossene Vergleich, der schone Gewinn fur die Gegenwart, die nach manchen Seiten hin sich erweiternden Aussichten, alles ward vollig der Wahrheit gema? vor Augen gestellt, da es zuletzt auch an Winken nicht fehlen konnte, wie Hilarien selbst erinnerlich sein musse, da? sie fruher dem mit ihr heranwachsenden Vetter, und wenn auch nur wie im Scherze, sei verlobt gewesen. Aus alle dem Vorgesagten zog nun die Mutter den sich selbst ergebenden Schlu?, da? nun mit ihrer und des Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesaumt stattfinden konne. Hilarie, ruhig blickend und sprechend, erwiderte darauf, sie konne diese Folgerung nicht sogleich gelten lassen, und fuhrte gar schon und anmutig dagegen an, was ein zartes Gemut gewi? mit ihr gleich empfinden wird, und das wir mit Worten auszufuhren nicht unternehmen. Vernunftige Menschen, wenn sie etwas Verstandiges ausgesonnen, wie diese oder jene Verlegenheit zu beseitigen ware, dieser oder jener Zweck zu erreichen sein mochte, und dafur sich alle denklichen Argumente verdeutlicht und geordnet, fuhlen sich hochst unangenehm betroffen, wenn diejenigen, die zu eignem Glucke mitwirken sollten, vollig andern Sinnes gefunden werden und aus Grunden, die tief im Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so loblich als notig ist. Man wechselte Reden, ohne sich zu uberzeugen; das Verstandige wollte nicht in das Gefuhl eindringen, das Gefuhlte wollte sich dem Nutzlichen, dem Notwendigen nicht fugen; das Gesprach erhitzte sich, die Scharfe des Verstandes traf das schon verwundete Herz, das nun nicht mehr ma?ig, sondern leidenschaftlich seinen Zustand an den Tag gab, so da? zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und Wurde des jungen Madchens erstaunt zurucktrat, als sie mit Energie und Wahrheit das Unschickliche, ja Verbrecherische einer solchen Verbindung hervorhob. In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zuruckkehrte, la?t sich denken, vielleicht auch, wenngleich nicht vollkommen, nachempfinden, wie der Major, der, von dieser entschiedenen Weigerung im Innersten geschmeichelt, zwar hoffnungslos, aber getrostet vor der Schwester stand, sich von jener Beschamung entwunden und so dieses Ereignis, das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war, in seinem Innern ausgeglichen fuhlte. Er verbarg diesen Zustand augenblicklich seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit hinter eine in diesem Falle ganz naturliche Au?erung: man musse nichts ubereilen, sondern dem guten Kinde Zeit lassen, den eroffneten Weg, der sich nunmehr gewisserma?en selbst verstunde, freiwillig einzuschlagen. Nun aber konnen wir kaum unsern Lesern zumuten, aus diesen ergreifenden inneren Zustanden in das Au?ere uberzugehen, worauf doch jetzt so viel ankam. Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit lie?, mit Musik und Gesang, mit Zeichnen und Sticken ihre Tage angenehm zu verbringen, auch mit Lesen und Vorlesen sich und die Mutter zu unterhalten, so beschaftigte sich der Major bei eintretendem Fruhjahr, die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen; der Sohn, der sich in der Folge als einen reichen Besitzer und, wie er gar nicht zweifeln konnte, als glucklichen Gatten Hilariens erblickte, fuhlte nun erst ein militarisches Bestreben nach Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte. Und so glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewi? vorauszusehen, da? dieses Ratsel, welches nur noch an eine Grille geknupft schien, sich bald aufhellen und auseinanderlegen wurde. Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu finden. Die Baronin wartete tagtaglich, aber vergebens, auf die Sinnesanderung ihrer Tochter, die zwar mit Bescheidenheit und selten, aber doch, bei entscheidendem Anla?, mit Sicherheit zu erkennen gab, sie bleibe so fest bei ihrer Uberzeugung, als nur einer sein kann, dem etwas innerlich wahr geworden, es moge nun mit der ihn umgebenden Welt in Einklang stehen oder nicht. Der Major empfand sich zwiespaltig; er wurde sich immer verletzt fuhlen, wenn Hilarie sich wirklich fur den Sohn entschiede; entschiede sie sich aber fur ihn selbst, so war er ebenso uberzeugt, da? er ihre Hand ausschlagen musse. Bedauern wir den guten Mann, dem diese Sorgen, diese Qualen wie ein beweglicher Nebel unablassig vorschwebten, bald als Hintergrund, auf welchem sich die Wirklichkeiten und Beschaftigungen des dringenden Tages hervorhoben, bald herantretend und alles Gegenwartige bedeckend. Ein solches Wanken und Schweben bewegte sich vor den Augen seines Geistes; und wenn ihn der fordernde Tag zu rascher, wirksamer Tatigkeit aufbot, so war es bei nachtlichem Erwachen, wo alles Widerwartige, gestaltet und immer umgestaltet, im unerfreulichsten Kreis sich in seinem Innern umwalzte. Dies ewig wiederkehrende Unabweisbare brachte ihn in einen Zustand, den wir fast Verzweiflung nennen durften, weil Handeln und Schaffen, die sich sonst als Heilmittel fur solche Lagen am sichersten bewahrten, hier kaum lindernd, geschweige denn befriedigend wirken wollten. In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein Schreiben mit Einladung in das Posthaus des nahe gelegenen Stadtchens, wo ein eilig Durchreisender ihn dringend zu sprechen wunschte. Er, bei seinen vielfachen Geschafts- und Weltverhaltnissen an dergleichen gewohnt, saumte um so weniger, als ihm die freie, fluchtige Hand einigerma?en erinnerlich schien. Ruhig und gefa?t nach seiner Art begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der bekannten, fast bauerischen Oberstube die schone Witwe ihm entgegentrat, schoner und anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, da? unsere Einbildungskraft nicht fahig ist, das Vorzuglichste festzuhalten und vollig wieder zu vergegenwartigen, oder hatte wirklich ein bewegterer Zustand ihr mehreren Reiz gegeben, genug, es bedurfte doppelter Fassung, sein Erstaunen, seine Verwirrung unter dem Schein allgemeinster Hoflichkeit zu verbergen; er gru?te sie verbindlich mit verlegener Kalte. «Nicht so, mein Bester!«rief sie aus,»keineswegs hab' ich Sie dazu zwischen diese gewei?ten Wande, in diese hochst unedle Umgebung berufen; ein so schlechter Hausrat fordert nicht auf, sich hofisch zu unterhalten. Ich befreie meine Brust von einer schweren Last, indem ich sage, bekenne: in ihrem Hause hab' ich viel Unheil angerichtet.«— Der Major trat stutzend zuruck. — »Ich wei? alles«, fuhr sie fort,»wir brauchen uns nicht zu erklaren; Sie und Hilarien, Hilarien und Flavio, Ihre gute Schwester, Sie alle bedaure ich. «Die Sprache schien ihr zu stocken, die herrlichsten Augenwimpern konnten hervorquellende Tranen nicht zuruckhalten, ihre Wange rotete sich, sie war schoner als jemals. In au?erster Verwirrung stand der edle Mann vor ihr, ihn durchdrang eine unbekannte Ruhrung.»Setzen wir uns«, sagte, die Augen trocknend, das allerliebste Wesen.»Verzeihen Sie mir, bedauern Sie mich, Sie sehen, wie ich bestraft bin. «Sie hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg, wie bitterlich sie weinte. «Klaren Sie mich auf, meine Gnadige«, sprach er mit Hast. — »Nichts von gnadig!«entgegnete sie himmlisch lachelnd,»nennen Sie mich Ihre Freundin, Sie haben keine treuere. Und also, mein Freund, ich wei? alles, ich kenne die Lage der ganzen Familie genau, aller Gesinnungen und Leiden bin ich vertraut.«—»Was konnte Sie bis auf diesen Grad unterrichten?«—»Selbstbekenntnisse. Diese Hand wird Ihnen nicht fremd sein. «Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin. — »Die Hand meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlassigen Schrift nach vertraute! Haben Sie je mit ihr in Verhaltnis gestanden?«—»Unmittelbar nicht, mittelbar seit einiger Zeit; hier die Aufschrift: ›An ***.‹«—»Ein neues Ratsel: An Makarien, die schweigsamste aller Frauen.«—»Deshalb aber auch die Vertraute, der Beichtiger alter bedrangten Seelen, aller derer, die sich selbst verloren haben, sich wiederzufinden wunschten und nicht wissen wo.«—»Gott sei Dank!«rief er aus,»da? sich eine solche Vermittlung gefunden hat, mir wollt' es nicht ziemen, sie anzuflehen, ich segne meine Schwester, da? sie es tat; denn auch mir sind Beispiele bekannt, da? jene Treffliche, im Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels, durch die au?ere verworrene Gestalt irgendeinem Unglucklichen sein rein schones Innere gewiesen und ihn auf einmal erst mit sich selbst befriedigt und zu einem neuen Leben aufgefordert hat.«— «Diese Wohltat erzeigte sie auch mir«, versetzte die Schone; und in diesem Augenblick fuhlte unser Freund, wenn es ihm auch nicht klar wurde, dennoch entschieden, da? aus dieser sonst in ihrer Eigenheit abgeschlossenen merkwurdigen Person sich ein sittlich-schones, teilnehmendes und teilgebendes Wesen hervortat. — »Ich war nicht unglucklich, aber unruhig«, fuhr sie fort,»ich gehorte mir selbst nicht recht mehr an, und das hei?t denn doch am Ende nicht glucklich sein. Ich gefiel mir selbst nicht mehr, ich mochte mich vor dem Spiegel zurechtrucken, wie ich wollte, es schien mir immer, als wenn ich mich zu einem Maskenball herausputzte; aber seitdem sie mir ihren Spiegel vorhielt, seit ich gewahr wurde, wie man sich von innen selbst schmucken konne, komm' ich mir wieder recht schon vor. «Sie sagte das zwischen Lacheln und Weinen und war, man mu?te es zugeben, mehr als liebenswurdig. Sie erschien achtungswert und wert einer ewigen treuen Anhanglichkeit. «Und nun, mein Freund, fassen wir uns kurz: hier sind die Briefe! sie zu lesen und wieder zu lesen, sich zu bedenken, sich zu bereiten, bedurften Sie allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann werden mit wenigen Worten unsere Zustande sich entscheiden lassen.» Sie verlie? ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete nun einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir summarisch andeuten. Jene beklagt sich uber die schone Witwe. Wie eine Frau die andere ansieht und scharf beurteilt, geht hervor. Eigentlich ist nur vom Au?ern und von Au?erungen die Rede, nach dem Innern wird nicht gefragt. Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung. Schilderung eines solchen Wesens von innen heraus. Das Au?ere erscheint als Folge von Zufalligkeiten, kaum zu tadeln, vielleicht zu entschuldigen. Nun berichtet die Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns, der wachsenden Neigung des jungen Paars, von der Ankunft des Vaters, der entschiedenen Weigerung Hilariens. Uberall finden sich Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit, die aus der grundlichen Uberzeugung stammt, da? hieraus eine sittliche Besserung entstehen musse. Sie ubersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schonen Frau, deren himmelschones Innere nun hervortritt und das Au?ere zu verherrlichen beginnt. Das Ganze schlie?t mit einer dankbaren Erwiderung an Makarien. Читайте больше книг на сайте онлайн-библиотеки mir-knigi.org