Автор : Goethe Johann Wolfgang Название книги: Hermann und Dorothea Читать на сайте: https://mir-knigi.org/author/goethe-johann-wolfgang/hermann-und-dorothea Kalliope Schicksal und Anteil «Hab ich den Markt und die Stra?en doch nie so einsam gesehen! Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig, Deucht mir, blieben zuruck von allen unsern Bewohnern. Was die Neugier nicht tut! So rennt und lauft nun ein jeder, Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu sehen. Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer ein Stundchen, Und da lauft man hinab, im hei?en Staube des Mittags. Mocht' ich mich doch nicht ruhren vom Platz, um zu sehen das Elend Guter fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe, Leider, das uberrheinische Land, das schone, verlassend, Zu uns heruberkommen und durch den glucklichen Winkel Dieses fruchtbaren Tals und seiner Krummungen wandern. Trefflich hast du gehandelt, o Frau, da? du milde den Sohn fort Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken, Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen. Was der Junge doch fahrt! und wie er bandigt die Hengste! Sehr gut nimmt das Kutschchen sich aus, das neue; bequemlich Sa?en viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher. Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!» So sprach, unter dem Tore des Hauses sitzend am Markte, Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt zum Goldenen Lowen. Und es versetzte darauf die kluge verstandige Hausfrau: «Vater, nicht gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand, Denn sie ist zu manchem Gebrauch und fur Geld nicht zu haben, Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne Manches bessere Stuck an Uberzugen und Hemden, Denn ich horte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn. Wirst du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank ist geplundert. Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen, Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefuttert, Gab ich hin; er ist dunn und alt und ganz aus der Mode.» Aber es lachelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte: «Ungern vermi? ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock, Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder. Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll Immer gehn im Surtout und in der Pekesche sich zeigen, Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mutze.» «Siehe!«versetzte die Frau,»dort kommen schon einige wieder, Die den Zug mit gesehn; er mu? doch wohl schon vorbei sein. Seht, wie allen die Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter Gluhen! und jeglicher fuhrt das Schnupftuch und wischt sich den Schwei? ab. Mocht' ich doch auch in der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht Laufen und leiden! Furwahr, ich habe genug am Erzahlten.» Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: «Solch ein Wetter ist selten zu solcher Ernte gekommen, Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu schon herein ist, Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein Wolkchen zu sehen, Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kuhlung. Das ist bestandiges Wetter! und uberreif ist das Korn schon; Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.» Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Manner Und der Weiber, die uber den Markt sich nach Hause begaben; Und so kam auch zuruck mit seinen Tochtern gefahren Rasch, an die andere Seite des Markts, der beguterte Nachbar, An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes, Im geoffneten Wagen (er war in Landau verfertigt). Lebhaft wurden die Gassen; denn wohl war bevolkert das Stadtchen, Mancher Fabriken befli? man sich da, und manches Gewerbes. Und so sa? das trauliche Paar, sich unter dem Torweg Uber das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergotzend. Endlich aber begann die wurdige Hausfrau und sagte: «Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der Nachbar Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzahlen, Was sie drau?en gesehn und was zu schauen nicht froh macht.» Freundlich kamen heran die beiden und gru?ten das Ehpaar, Setzten sich auf die Banke, die holzernen, unter dem Torweg, Staub von den Fu?en schuttelnd, und Luft mit dem Tuche sich fachelnd. Da begann denn zuerst, nach wechselseitigen Gru?en, Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe verdrie?lich: «So sind die Menschen furwahr! und einer ist doch wie der andre, Da? er zu gaffen sich freut, wenn den Nachsten ein Ungluck befallet! Lauft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlagt, Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode gefuhrt wird. Jeder spaziert nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen Elend, und niemand bedenkt, da? ihn das ahnliche Schicksal Auch, vielleicht zunachst, betreffen kann, oder doch kunftig. Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er im Menschen.» Und es sagte darauf der edle verstandige Pfarrherr, Er, die Zierde der Stadt, ein Jungling naher dem Manne. Dieser kannte das Leben und kannte der Horer Bedurfnis, War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen, Die uns der Menschen Geschick enthullen und ihre Gesinnung; Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften. Dieser sprach:»Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen Fur unschadliche Triebe die gute Mutter Natur gab; Denn was Verstand und Vernunft nicht immer vermogen, vermag oft Solch ein glucklicher Hang, der unwiderstehlich uns leitet. Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen, Sagt! erfuhr' er wohl je, wie schon sich die weltlichen Dinge Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, Suchet das Nutzliche dann mit unermudetem Flei?e; Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und wert macht. In der Jugend ist ihm ein froher Gefahrte der Leichtsinn, Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die Spuren Tilget des schmerzlichen Ubels, sobald es nur irgend vorbeizog. Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren Sich der gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt, Der im Gluck wie im Ungluck sich eifrig und tatig bestrebet; Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden.» Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau: «Saget uns, was ihr gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen.» «Schwerlich«, versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, «Werd ich so bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren. Und wer erzahlet es wohl, das mannigfaltigste Elend! Schon von ferne sahn wir den Staub, noch eh' wir die Wiesen Abwarts kamen; der Zug war schon von Hugel zu Hugel Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen. Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Tal geht, erreichten, War Gedrang und Getummel noch gro? der Wandrer und Wagen. Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn, Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei, Und wie froh das Gefuhl des eilig geretteten Lebens. Traurig war es zu sehn, die mannigfaltige Habe, Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die ein Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat, Immer bereit zum Gebrauche, denn alles ist notig und nutzlich, Nun zu sehen das alles, auf mancherlei Wagen und Karren Durcheinander geladen, mit Ubereilung gefluchtet. Uber dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke, In dem Backtrog das Bett und das Leintuch uber dem Spiegel. Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig Jahren auch wohl gesehn, dem Menschen alle Besinnung, Da? er das Unbedeutende fa?t und das Teure zuruckla?t. Also fuhrten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt, Schlechte Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend: Alte Bretter und Fasser, den Gansestall und den Kafig. Auch so keuchten die Weiber und Kinder, mit Bundeln sich schleppend, Unter Korben und Butten voll Sachen keines Gebrauches; Denn es verla?t der Mensch so ungern das Letzte der Habe. Und so zog auf dem staubigen Weg der drangende Zug fort, Ordnungslos und verwirrt. Mit schwacheren Tieren der eine Wunschte langsam zu fahren, ein andrer emsig zu eilen. Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber und Kinder, Und ein Bloken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer, Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren Ubergepackten Wagen auf Betten sa?en und schwankten. Aber, aus dem Gleise gedrangt, nach dem Rande des Hochwegs Irrte das knarrende Rad; es sturzt' in den Graben das Fuhrwerk, Umgeschlagen, und weithin entsturzten im Schwunge die Menschen, Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch glucklich. Spater sturzten die Kasten und fielen naher dem Wagen. Wahrlich, wer im Fallen sie sah, der erwartete nun sie Unter der Last der Kisten und Schranke zerschmettert zu schauen. Und so lag zerbrochen der Wagen und hulflos die Menschen; Denn die ubrigen gingen und zogen eilig voruber, Nur sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome. Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten, Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr dauerndes Leiden Trugen, hier auf dem Boden beschadigt achzen und jammern, Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube.» Und es sagte darauf geruhrt der menschliche Hauswirt: «Moge doch Hermann sie treffen und sie erquicken und kleiden. Ungern wurd' ich sie sehn; mich schmerzt der Anblick des Jammers. Schon von dem ersten Bericht so gro?er Leiden geruhret, Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm Uberflu?, da? nur Einige wurden gestarkt, und schienen uns selber beruhigt. Aber la?t uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; Denn es beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen, Und die Sorge, die mehr als selbst mir das Ubel verha?t ist. Tretet herein in den hinteren Raum, das kuhlere Salchen. Nie scheint Sonne dahin, nie dringet warmere Luft dort Durch die starkeren Mauern; und Mutterchen bringt uns ein Glaschen Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben. Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Glaser.» Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kuhlung. Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines, In geschliffener Flasche auf blankem zinnernem Runde, Mit den grunlichen Romern, den echten Bechern des Rheinweins. Und so sitzend umgaben die drei den glanzend gebohnten Runden, braunen Tisch, er stand auf machtigen Fu?en. Heiter klangen sogleich die Glaser des Wirtes und Pfarrers; Doch unbeweglich hielt der dritte denkend das seine, Und es fordert' ihn auf der Wirt mit freundlichen Worten: «Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Ungluck Gott uns gnadig und wird auch kunftig uns also bewahren. Denn wer erkennet es nicht, da? seit dem schrecklichen Brande, Da er so hart uns gestraft, er uns nun bestandig erfreut hat Und bestandig beschutzt, so wie der Mensch sich des Auges Kostlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist. Sollt' er fernerhin nicht uns schutzen und Hulfe bereiten? Denn man sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren; Sollt' er die bluhende Stadt, die er erst durch flei?ige Burger Neu aus der Asche gebaut und dann sie reichlich gesegnet, Jetzo wieder zerstoren und alle Bemuhung vernichten?» Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: «Haltet am Glauben fest und fest an dieser Gesinnung; Denn sie macht im Glucke verstandig und sicher, im Ungluck Reicht sie den schonsten Trost und belebt die herrlichste Hoffnung.» Da versetzte der Wirt mit mannlichen, klugen Gedanken: «Wie begru?t' ich so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms, Wenn ich, reisend nach meinem Geschaft, ihm wieder mich nahte! Immer schien er mir gro? und erhob mir Sinn und Gemute; Aber ich konnte nicht denken, da? bald sein liebliches Ufer Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, Und sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben. Seht, so schutzt die Natur, so schutzen die wackeren Deutschen Und so schutzt uns der Herr; wer wollte toricht verzagen? Mude schon sind die Streiter, und alles deutet auf Frieden. Moge doch auch, wenn das Fest, das lang erwunschte, gefeiert Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann tont zu der Orgel, Und die Trompete schmettert, das hohe,Te Deum. begleitend - Moge mein Hermann doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer, Mit der Braut, entschlossen, vor Euch am Altare sich stellen, Und das gluckliche Fest, in allen den Landen begangen, Auch mir kunftig erscheinen, der hauslichen Freuden ein Jahrstag! Aber ungern seh ich den Jungling, der immer so tatig Mir in dem Hause sich regt, nach au?en langsam und schuchtern. Wenig findet er Lust, sich unter Leuten zu zeigen; Ja, er vermeidet sogar der jungen Madchen Gesellschaft Und den frohlichen Tanz, den alle Jugend begehret.» Also sprach er und horchte. Man horte der stampfenden Pferde Fernes Getose sich nahn, man horte den rollenden Wagen, Der mit gewaltiger Eile nun donnert' unter den Torweg. Terpsichore Hermann Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat, Schaute der Prediger ihm mit scharfen Blicken entgegen Und betrachtete seine Gestalt und sein ganzes Benehmen Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen entratselt, Lachelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten: «Kommt Ihr doch als ein veranderter Mensch! Ich habe noch niemals Euch so munter gesehn und Eure Blicke so lebhaft. Frohlich kommt Ihr und heiter; man sieht, Ihr habet die Gaben Unter die Armen verteilt und ihren Segen empfangen.» Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten: «Ob ich loblich gehandelt? ich wei? es nicht; aber mein Herz hat Mich gehei?en zu tun, so wie ich genau nun erzahle. Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten Stucke zu suchen Und zu wahlen; nur spat war erst das Bundel zusammen, Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket. Als ich nun endlich vors Tor und auf die Stra?e hinauskam, Stromte zuruck die Menge der Burger mit Weibern und Kindern, Mir entgegen; denn fern war schon der Zug der Vertriebnen. Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem Dorf zu, Wo sie, wie ich gehort, heut ubernachten und rasten. Als ich nun meines Weges die neue Stra?e hinanfuhr, Fiel mir ein Wagen ins Auge, von tuchtigen Baumen gefuget, Von zwei Ochsen gezogen, den gro?ten und starksten des Auslands, Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Madchen, Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere, Trieb sie an und hielt sie zuruck, sie leitete kluglich. Als mich das Madchen erblickte, so trat sie den Pferden gelassen Naher und sagte zu mir: ›Nicht immer war es mit uns so Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen erblicket. Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen, Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen; Aber mich dranget die Not, zu reden. Hier auf dem Strohe Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers, Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre, gerettet. Spat nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie. Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme, Und mit wenigem nur vermogen die Unsern zu helfen, Wenn wir im nachsten Dorf, wo wir heute zu rasten gedenken, Auch sie finden, wiewohl ich furchte, sie sind schon voruber. War' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's gutig den Armen.‹ Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche Wochnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen: ›Guten Menschen furwahr spricht oft ein himmlischer Geist zu, Da? sie fuhlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht; Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefuhle von eurem Jammer, ein Bundel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen.‹ Und ich loste die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock Unsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch. Und sie dankte mit Freuden und rief: ›Der Gluckliche glaubt nicht, Da? noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt man Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten Leitet. Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber.‹ Und ich sah die Wochnerin froh die verschiedene Leinwand, Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befuhlen. ›Eilen wir‹, sagte zu ihr die Jungfrau, ›dem Dorf zu, in welchem Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhalt; Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.‹ Und sie gru?te mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus, Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte, Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen, Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die Speisen Unter das ubrige Volk zu spenden, oder sogleich hier Alles dem Madchen gabe, damit sie es weislich verteilte. Und ich entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr Sachte nach und erreichte sie bald und sagte behende: ›Gutes Madchen, mir hat die Mutter nicht Leinwand alleine Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide, Sondern sie fugte dazu noch Speis' und manches Getranke, Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens. Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deine Hand zu legen, und so erfull ich am besten den Auftrag; Du verteilst sie mit Sinn, ich mu?te dem Zufall gehorchen.‹ Drauf versetzte das Madchen: ›Mit aller Treue verwend ich Eure Gaben; der Durftige soll sich derselben erfreuen.‹ Also sprach sie. Ich offnete schnell die Kasten des Wagens, Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brote, Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes. Gerne hatt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten. Alles packte sie drauf zu der Wochnerin Fu?en und zog so Weiter; ich eilte zuruck mit meinen Pferden der Stadt zu.» Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprachige Nachbar Gleich das Wort und rief:»O glucklich, wer in den Tagen Dieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt, Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen! Glucklich fuhl ich mich jetzt; ich mocht' um vieles nicht heute Vater hei?en und nicht fur Frau und Kinder besorgt sein. Ofters dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten Sachen zusammengepa?t, das alte Geld und die Ketten Meiner seligen Mutter, das alles noch heilig verwahrt liegt. Freilich bliebe noch vieles zuruck, das so leicht nicht geschafft wird. Selbst die Krauter und Wurzeln, mit vielem Flei?e gesammelt, Mi?t' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware nicht gro? ist. Bleibt der Provisor zuruck, so geh ich getrostet von Hause. Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Korper, so hab ich Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten.» «Nachbar«, versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck, «Keinesweges denk ich wie Ihr und tadle die Rede. Ist wohl der ein wurdiger Mann, der im Gluck und im Ungluck Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilen Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird? Lieber mocht' ich als je mich heute zur Heirat entschlie?en; Denn manch gutes Madchen bedarf des schutzenden Mannes Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Ungluck bevorsteht.» Lachelnd sagte darauf der Vater:»So hor ich dich gerne! Solch ein vernunftiges Wort hast du mir selten gesprochen.» Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein: «Sohn, furwahr! du hast recht; wir Eltern gaben das Beispiel. Denn wir haben uns nicht an frohlichen Tagen erwahlet, Und uns knupfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen. Montag morgens — ich wei? es genau, denn Tages vorher war Jener schreckliche Brand, der unser Stadtchen verzehrte - Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute, Hei? und trocken die Zeit und wenig Wasser im Orte. Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern, Auf den Dorfern verteilt und in den Schenken und Muhlen. Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand lief Eilig die Stra?en hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind. Und es brannten die Scheunen der reich gesammelten Ernte, Und es brannten die Stra?en bis zu dem Markt, und das Haus war Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit. Wenig fluchteten wir. Ich sa?, die traurige Nacht durch, Vor der Stadt auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend; Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des Morgens Mich die Kuhlung erweckte, die vor der Sonne herabfallt, Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und Essen. Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder Herrlicher auf als je und flo?te mir Mut in die Seele. Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Statte zu sehen, Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Huhner gerettet, Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemut noch. Als ich nun uber die Trummer des Hauses und Hofes daherstieg, Die noch rauchten, und so die Wohnung wust und zerstort sah, Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Statte. Dir war ein Pferd in dem Stalle verschuttet; die glimmenden Balken Lagen daruber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere. Also standen wir gegeneinander, bedenklich und traurig: Denn die Wand war gefallen, die unsere Hofe geschieden. Und du fa?test darauf mich bei der Hand an und sagtest: ›Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die Sohlen; Denn der Schutt ist hei?, er sengt mir die starkeren Stiefeln.‹ Und du hobest mich auf und trugst mich heruber durch deinen Hof weg. Da stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewolbe, Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben. Und du setztest mich nieder und ku?test mich und ich verwehrt' es. Aber du sagtest darauf mit freundlich bedeutenden Worten: ›Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf mir es bauen, Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem.‹ Doch ich verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter Schicktest und schnell das Gelubd' der frohlichen Ehe vollbracht war. Noch erinnr' ich mich heute des halbverbrannten Gebalkes Freudig und sehe die Sonne noch immer so herrlich heraufgehn; Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die ersten Zeiten der wilden Zerstorung den Sohn mir der Jugend gegeben. Darum lob ich dich, Hermann, da? du mit reinem Vertrauen Auch ein Madchen dir denkst in diesen traurigen Zeiten Und es wagtest zu frein im Krieg und uber den Trummern.» Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte: «Die Gesinnung ist loblich, und wahr ist auch die Geschichte, Mutterchen, die du erzahlst; denn so ist alles begegnet. Aber besser ist besser. Nicht einen jeden betrifft es, Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen; Nicht soll jeder sich qualen, wie wir und andere taten, Oh, wie glucklich ist der, dem Vater und Mutter das Haus schon Wohlbestellt ubergeben und der mit Gedeihen es ausziert! Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird taglich Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben. Und so hoff ich von dir, mein Hermann, da? du mir nachstens In das Haus die Braut mit schoner Mitgift hereinfuhrst; Denn ein wackerer Mann verdient ein begutertes Madchen, Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewunscheten Weibchen Auch in Korben und Kasten die nutzliche Gabe hereinkommt. Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe; Nicht umsonst verehren die Paten ihr Silbergerate, Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstuck: Denn sie soll dereinst mit ihren Gutern und Gaben Jenen Jungling erfreun, der sie vor allen erwahlt hat. Ja, ich wei?, wie behaglich ein Weibchen im Hause sich findet, Das ihr eignes Gerat in Kuch' und Zimmern erkennet Und das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat. Nur wohl ausgestattet mocht' ich im Hause die Braut sehn; Denn die Arme wird doch nur zuletzt vom Manne verachtet, Und er halt sie als Magd, die als Magd mit dem Bundel hereinkam. Ungerecht bleiben die Manner, und die Zeiten der Liebe vergehen. Ja, mein Hermann, du wurdest mein Alter hochlich erfreuen, Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertochterchen brachtest Aus der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem grunen. Reich ist der Mann furwahr: sein Handel und seine Fabriken Machen ihn taglich reicher: denn wo gewinnt nicht der Kaufmann? Nur drei Tochter sind da; sie teilen allein das Vermogen. Schon ist die altste bestimmt, ich wei? es; aber die zweite Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben. War' ich an deiner Statt, ich hatte bis jetzt nicht gezaudert, Eins mir der Madchen geholt, so wie ich das Mutterchen forttrug.» Da versetzte der Sohn bescheiden dem dringenden Vater: «Wirklich, mein Wille war auch, wie Eurer, eine der Tochter Unsers Nachbars zu wahlen. Wir sind zusammen erzogen, Spielten neben dem Brunnen am Markt in fruheren Zeiten, Und ich habe sie oft vor der Knaben Wildheit beschutzet. Doch das ist lange schon her; es bleiben die wachsenden Madchen Endlich billig zu Haus und fliehn die wilderen Spiele. Wohlgezogen sind sie gewi?! Ich ging auch zuzeiten Noch aus alter Bekanntschaft, so wie Ihr es wunschtet, hinuber; Aber ich konnte mich nie in ihrem Umgang erfreuen. Denn sie tadelten stets an mir, das mu?t' ich ertragen: Gar zu lang war mein Rock, zu grob das Tuch und die Farbe Gar zu gemein und die Haare nicht recht gestutzt und gekrauselt. Endlich hatt' ich im Sinne, mich auch zu putzen wie jene Handelsbubchen, die stets am Sonntag druben sich zeigen, Und um die halbseiden im Sommer das Lappchen herumhangt. Aber noch fruh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten, Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt; doch mehr noch Krankte mich's tief, da? so sie den guten Willen verkannten, Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die jungste. Denn so war ich zuletzt an Ostern hinubergegangen, Hatte den neuen Rock, der jetzt nur oben im Schrank hangt, Angezogen und war frisiert wie die ubrigen Bursche. Als ich eintrat, kicherten sie; doch zog ich's auf mich nicht. Minchen sa? am Klavier; es war der Vater zugegen, Horte die Tochterchen singen und war entzuckt und in Laune. Manches verstand ich nicht, was in den Liedern gesagt war, Aber ich horte viel von Pamina, viel von Tamino, Und ich wollte doch auch nicht stumm sein! Sobald sie geendet, Fragt' ich dem Texte nach und nach den beiden Personen. Alle schwiegen darauf und lachelten; aber der Vater Sagte: ›Nicht wahr, mein Freund, Er kennt nur Adam und Eva?‹ Niemand hielt sich alsdann, und laut auf lachten die Madchen, Laut auf lachten die Knaben, es hielt den Bauch sich der Alte. Fallen lie? ich den Hut vor Verlegenheit, und das Gekicher Dauerte fort und fort, soviel sie auch sangen und spielten. Und ich eilte beschamt und verdrie?lich wieder nach Hause, Hangte den Rock in den Schrank und zog die Haare herunter Mit den Fingern und schwur, nicht mehr zu betreten die Schwelle. Und ich hatte wohl recht; denn eitel sind sie und lieblos, Und ich hore, noch hei? ich bei ihnen immer Tamino.» Da versetzte die Mutter:»Du solltest, Hermann, so lange Mit den Kindern nicht zurnen; denn Kinder sind sie ja samtlich. Minchen furwahr ist gut und war dir immer gewogen; Neulich fragte sie noch nach dir. Die solltest du wahlen!» Da versetzte bedenklich der Sohn:»Ich wei? nicht, es pragte Jener Verdru? sich so tief bei mir ein, ich mochte furwahr nicht Sie am Klaviere mehr sehn und ihre Liedchen vernehmen.» Doch der Vater fuhr auf und sprach die zornigen Worte: «Wenig Freud' erleb ich an dir! Ich sagt' es doch immer, Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeugtest zum Acker: Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbeguterten Mannes, Tust du; indessen mu? der Vater des Sohnes entbehren, Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Burgern sich zeigte. Und so tauschte mich fruh mit leerer Hoffnung die Mutter, Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemals Wie den andern gelang und du immer der Unterste sa?est. Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefuhl nicht im Busen Eines Junglinges lebt und wenn er nicht hoher hinauf will. Hatte mein Vater gesorgt fur mich, so wie ich fur dich tat, Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten, Ja, ich ware was anders als Wirt zum Goldenen Lowen!» Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der Ture, Langsam und ohne Gerausch; allein der Vater, entrustet, Rief ihm nach:»So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf! Geh und fuhre fortan die Wirtschaft, da? ich nicht schelte; Aber denke nur nicht, du wollest ein baurisches Madchen Je mir bringen ins Haus, als Schwiegertochter, die Trulle! Lange hab ich gelebt und wei? mit Menschen zu handeln, Wei? zu bewirten die Herren und Frauen, da? sie zufrieden Von mir weggehn, ich wei? den Fremden gefallig zu schmeicheln. Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertochterchen endlich Wiederbegegnen und so mir die viele Muhe versu?en! Spielen soll sie mir auch das Klavier; es sollen die schonsten, Besten Leute der Stadt sich mit Vergnugen versammeln, Wie es sonntags geschieht im Hause des Nachbars!«Da druckte Leise der Sohn auf die Klinke, und so verlie? er die Stube. Thalia Die Burger Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede; Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen - «Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, und schwerlich Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfullung jemals erfreuen, Da? der Sohn dem Vater nicht gleich sei, sondern ein Be?rer. Denn was ware das Haus, was ware die Stadt, wenn nicht immer Jeder gedachte mit Lust zu erhalten und zu erneuen Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland! Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat, Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung! Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, Wie man, das Stadtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. Denn wo die Turme verfallen und Mauern, wo in den Graben Unrat sich haufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, Wo der Stein aus der Fuge sich ruckt und nicht wieder gesetzt wird, Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue Unterstutzung erwartet: der Ort ist ubel regieret. Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, Da gewohnet sich leicht der Burger zu schmutzigem Saumsal, Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewohnet. Darum hab ich gewunscht, es solle sich Hermann auf Reisen Bald begeben und sehn zum wenigsten Stra?burg und Frankfurt Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. Denn wer die Stadte gesehn, die gro?en und reinlichen, ruht nicht, Kunftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren. Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore Und den geweihten Turm und die wohlerneuerte Kirche? Ruhmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten, Wohlverteilten Kanale, die Nutzen und Sicherheit bringen, Da? dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sei, Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande? Bauherr war ich sechsmal im Rat und habe mir Beifall, Habe mir herzlichen Dank von guten Burgern verdienet, Was ich angab, emsig betrieben und so auch die Anstalt Redlicher Manner vollfuhrt, die sie unvollendet verlie?en. So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rates. Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue Chausseebau Fest beschlossen, der uns mit der gro?en Stra?e verbindet. Aber ich furchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln! Denn die einen, sie denken auf Lust und verganglichen Putz nur, Andere hocken zu Haus und bruten hinter dem Ofen. Und das furcht ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben.» Und es versetzte sogleich die gute verstandige Mutter: «Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! und So wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfullet. Denn wir konnen die Kinder nach unserem Sinne nicht formen; So wie Gott sie uns gab, so mu? man sie haben und lieben, Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewahren. Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben; Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise Gut und glucklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten; Denn, ich wei? es, er ist der Guter, die er dereinst erbt, Wert und ein trefflicher Wirt, ein Muster Burgern und Bauern, Und im Rate gewi?, ich seh es voraus, nicht der Letzte. Aber taglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem Armen Allen Mut in der Brust, so wie du es heute getan hast.» Und sie verlie? die Stube sogleich und eilte dem Sohn nach, Da? sie ihn irgendwo fand' und ihn mit gutigen Worten Wieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es. Lachelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater: «Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder! Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben, Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln. Einmal fur allemal gilt das wahre Spruchlein der Alten: Wer nicht vorwarts geht, der kommt zurucke! So bleibt es.» Und es versetzte darauf der Apotheker bedachtig: «Gerne geb ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immer Selbst nach dem Besseren um, wofern es nicht teuer doch neu ist; Aber hilft es furwahr, wenn man nicht die Fulle des Gelds hat, Tatig und ruhrig zu sein und innen und au?en zu bessern? Nur zu sehr ist der Burger beschrankt; das Gute vermag er Nicht zu erlangen, wenn er es kennt. Zu schwach ist sein Beutel, Das Bedurfnis zu gro?; so wird er immer gehindert. Manches hatt' ich getan; allein wer scheut nicht die Kosten Solcher Verandrung, besonders in diesen gefahrlichen Zeiten! Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen, Lange glanzten durchaus mit gro?en Scheiben die Fenster; Aber wer tut dem Kaufmann es nach, der bei seinem Vermogen Auch die Wege noch kennt, auf welchen das Beste zu haben? Seht nur das Haus an da druben, das neue! Wie prachtig in grunen Feldern die Stukkatur der wei?en Schnorkel sich ausnimmt! Gro? sind die Tafeln der Fenster, wie glanzen und spiegeln die Scheiben, Da? verdunkelt stehn die ubrigen Hauser des Marktes! Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schonsten, Die Apotheke zum Engel sowie der Goldene Lowe. So war mein Garten auch in der ganzen Gegend beruhmt, und Jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen Nach den Bettlern von Stein und nach den farbigen Zwergen. Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerk reichte, Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht, Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden Lichtes Schon geordneter Muscheln; und mit geblendetem Auge Schaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen. Ebenso ward in dem Saale die Malerei auch bewundert, Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazieren Und mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten. Ja, wer sahe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrie?lich Kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll, Wie sie's hei?en, und wei? die Latten und holzernen Banke. Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten. Nun, ich war' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen; Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verandern den Hausrat; Aber es furchtet sich jeder, auch nur zu rucken das Kleinste, Denn wer vermochte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen? Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder, Der mir die Offizin bezeichnet, vergolden zu lassen Und den greulichen Drachen, der ihm zu Fu?en sich windet; Aber ich lie? ihn verbraunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung.» Euterpe Mutter und Sohn Also sprachen die Manner, sich unterhaltend. Die Mutter Ging indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen, Auf der steinernen Bank, wo sein gewohnlicher Sitz war. Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen, Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte, Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute. Und es sagte der Knecht:»Er ist in den Garten gegangen.» Da durchschritt sie behende die langen doppelten Hofe, Lie? die Stalle zuruck und die wohlgezimmerten Scheunen, Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Stadtchens Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums, Stellte die Stutzen zurecht, auf denen beladen die Aste Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige, Nahm gleich einige Raupen vom kraftig strotzenden Kohl weg; Denn ein geschaftiges Weib tut keine Schritte vergebens. Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen, Bis zur Laube, mit Gei?blatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da, Ebensowenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte. Aber nur angelehnt war das Pfortchen, das aus der Laube, Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Stadtchens gebrochen Hatte der Ahnherr einst, der wurdige Burgemeister. Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinuber, Wo an der Stra?e sogleich der wohl umzaunete Weinberg Aufstieg steileren Pfads, die Flache zur Sonne gekehret. Auch den schritt sie hinauf und freute der Fulle der Trauben Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blattern verbargen. Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang, Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten. Und es hingen herein Gutedel und Muskateller, Rotlich-blaue daneben von ganz besonderer Gro?e, Alle mit Flei?e gepflanzt, der Gaste Nachtisch zu zieren. Aber den ubrigen Berg bedeckten einzelne Stocke, Kleinere Trauben tragend, von denen der kostliche Wein kommt. Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel Trauben lieset und tritt und den Most in die Fasser versammelt, Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden Leuchten und knallen und so der Ernten schonste geehrt wird. Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufen Zwei-, auch dreimal und nur das Echo vielfach zuruckkam, Das von den Turmen der Stadt, ein sehr geschwatziges, herklang. Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemals. Weit, er sagt' es ihr denn, um zu verhuten die Sorge Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall. Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden; Denn die Turen, die untre sowie die obre, des Weinbergs Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein, Das mit weiter Flache den Rucken des Hugels bedeckte. Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes, Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte. Zwischen den Ackern schritt sie hindurch, auf dem Raine, den Fu?pfad, Hatte den Birnbaum im Auge, den gro?en, der auf dem Hugel Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehorten. Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in der Gegend Weit und breit gesehn und beruhmt die Fruchte des Baumes. Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten; Banke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen. Und sie irrete nicht; dort sa? ihr Hermann und ruhte, Sa? mit dem Arme gestutzt und schien in die Gegend zu schauen Jenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rucken. Sachte schlich sie hinan und ruhrt' ihm leise die Schulter. Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tranen im Auge. «Mutter«, sagt' er betroffen,»Ihr uberrascht mich!«Und eilig Trocknet' er ab die Trane, der Jungling edlen Gefuhles. «Wie? du weinest, mein Sohn?«versetzte die Mutter betroffen; «Daran kenn ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren! Sag, was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zu sitzen Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Tranen ins Auge?» Und es nahm sich zusammen der treffliche Jungling und sagte: «Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet; Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekummert. Was ich heute gesehn und gehort, das ruhrte das Herz mir; Und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hugeln umherschlingt, Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen. Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines Schutzen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluten und Berge Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht! Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge. Ach! und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben? Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall? Liebe Mutter, ich sag Euch, am heutigen Tage verdrie?t mich, Da? man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas Aus den Burgern. Furwahr! ich bin der einzige Sohn nur, Und die Wirtschaft ist gro? und wichtig unser Gewerbe; Aber war' ich nicht besser, zu widerstehen da vorne An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft? Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen Regt sich Mut und Begier, dem Vaterlande zu leben Und zu sterben und andern ein wurdiges Beispiel zu geben. Wahrlich, ware die Kraft der deutschen Jugend beisammen, An der Grenze, verbundet, nicht nachzugeben den Fremden, Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten Und vor unseren Augen die Fruchte des Landes verzehren, Nicht den Mannern gebieten und rauben Weiber und Madchen! Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen, Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verstandig; Denn wer lange bedenkt, der wahlt nicht immer das Beste. Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus Geh ich gerad in die Stadt und ubergebe den Kriegern Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterlande zu dienen. Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefuhl mir Auch den Busen belebt und ob ich nicht hoher hinauf will!» Da versetzte bedeutend die gute verstandige Mutter, Stille Tranen vergie?end, sie kamen ihr leichtlich ins Auge: «Sohn, was hat sich in dir verandert und deinem Gemute, Da? du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer, Offen und frei, und sagst, was deinen Wunschen gema? ist? Horte jetzt ein Dritter dich reden, er wurde furwahr dich Hochlich loben und deinen Entschlu? als den edelsten preisen, Durch dein Wort verfuhrt und deine bedeutenden Reden. Doch ich tadle dich nur; denn sieh, ich kenne dich besser. Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken. Denn ich wei? es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete, Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Madchen; Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist, Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen. Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschlie?ung?» Ernsthaft sagte der Sohn:»Ihr irret, Mutter. Ein Tag ist Nicht dem anderen gleich. Der Jungling reifet zum Manne; Besser im stillen reift er zur Tat oft als im Gerausche Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jungling verderbt hat. Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill, Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern; Auch hat die Arbeit den Arm und die Fu?e machtig gestarket. Alles, fuhl ich, ist wahr; ich darf es kuhnlich behaupten. Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich Aus dem Hause des Vaters und nicht der hohe Gedanke, Meinem Vaterland hulfreich zu sein und schrecklich den Feinden. Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nur Meine Gefuhle verstecken, die mir das Herz zerrei?en. Und so la?t mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wunsche Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahingehn. Denn ich wei? es recht wohl: der einzelne schadet sich selber, Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben.» «Fahre nur fort«, so sagte darauf die verstandige Mutter, «Alles mir zu erzahlen, das Gro?te wie das Geringste! Denn die Manner sind heftig und denken nur immer das Letzte, Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Wege; Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen. Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist, Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern, Wider Willen die Trane dem Auge sich dringt zu entsturzen.» Da uberlie? sich dem Schmerze der gute Jungling und weinte, Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet: «Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich krankend getroffen, Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage. Denn die Eltern zu ehren war fruh mein Liebstes, und niemand Schien mir kluger zu sein und weiser, als die mich erzeugten Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten. Vieles hab ich furwahr von meinen Gespielen geduldet, Wenn sie mit Tucke mir oft den guten Willen vergalten; Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen: Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er sonntags Aus der Kirche kam mit wurdig bedachtigem Schritte, Lachten sie uber das Band der Mutze, die Blumen des Schlafrocks, Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward: Furchterlich ballte sich gleich die Faust mir, mit grimmigem Wuten Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen, Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen Und entrissen sich kaum den wutenden Tritten und Schlagen. Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden, Der statt anderer mich gar oft mit Worten herumnahm, Wenn bei Rat ihm Verdru? in der letzten Sitzung erregt ward, Und ich bu?te den Streit und die Ranke seiner Kollegen. Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich, Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat, Die nur sinnen, fur uns zu mehren die Hab' und die Guter, Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern. Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spat zu genie?en, Macht das Gluck, es macht nicht das Gluck der Haufe beim Haufen, Nicht der Acker am Acker, so schon sich die Guter auch schlie?en. Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Sohne, Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge fur morgen. Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schonen, Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Garten, Dort die Scheunen und Stalle, die schone Reihe der Guter! Aber seh ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stubchen im Dache, Denk ich die Zeiten zuruck, wie manche Nacht ich den Mond schon Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne, Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genugte: Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hof und Garten, das herrliche Feld, das uber die Hugel sich hinstreckt; Alles liegt so ode vor mir: ich entbehre der Gattin.» Da antwortete drauf die gute Mutter verstandig: «Sohn, mehr wunschest du nicht, die Braut in die Kammer zu fuhren, Da? dir werde die Nacht zur schonen Halfte des Lebens Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde, Als der Vater es wunscht und die Mutter. Wir haben dir immer Zugeredet, ja dich getrieben, ein Madchen zu wahlen. Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir: Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte Madchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wahlen im Weiten, Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten. Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewahlet, Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewohnlich empfindlich. Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: Jenes Madchen ist's, das vertriebene, die du gewahlt hast.» «Liebe Mutter, Ihr sagt's!«versetzte lebhaft der Sohn drauf. «Ja, sie ist's! und fuhr ich sie nicht als Braut mir nach Hause Heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn. Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung Dann vor Augen, umsonst sind kunftige Jahre mir fruchtbar. Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider; Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht trostet den Armen. Denn es loset die Liebe, das fuhl ich, jegliche Bande, Wenn sie die ihrigen knupft; und nicht das Madchen allein la?t Vater und Mutter zuruck, wenn sie dem erwahleten Mann folgt; Auch der Jungling, er wei? nichts mehr von Mutter und Vater, Wenn er das Madchen sieht, das einziggeliebte, davonziehn. Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt. Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen, Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Madchen Ausschlie?t, das ich allein nach Haus zu fuhren begehre.» Da versetzte behend die gute verstandige Mutter: «Stehen wie Felsen doch zwei Manner gegeneinander! Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nahern, Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. Darum sag ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinem Herzen, da? er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe, Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat. Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus, Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen; Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tische, Wo er heftiger spricht und anderer Grunde bezweifelt, Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf Seines heftigen Wollens und la?t ihn die Worte der andern Nicht vernehmen, er hort und fuhlt alleine sich selber. Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gesprache Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. Milder ist er furwahr, ich wei?, wenn das Rauschchen vorbei ist Und er das Unrecht fuhlt, das er andern lebhaft erzeugte. Komm! wir wagen es gleich; das Frischgewagte gerat nur, Und wir bedurfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt Sitzen; besonders wird uns der wurdige Geistliche helfen.» Also sprach sie behende und zog, vom Steine sich hebend, Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. Beide Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend. Polyhymnia Der Weltburger Aber es sa?en die drei noch immer sprechend zusammen, Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirte, Und es war das Gesprach noch immer ebendasselbe, Das viel hin und her nach allen Seiten gefuhrt ward. Aber der treffliche Pfarrer versetzte, wurdig gesinnt, drauf: «Widersprechen will ich Euch nicht. Ich wei? es, der Mensch soll Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch Immer dem Hoheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue. Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefuhlen Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist. Aller Zustand ist gut, der naturlich ist und vernunftig. Vieles wunscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig; Denn die Tage sind kurz, und beschrankt der Sterblichen Schicksal. Niemals tadl' ich den Mann, der immer, tatig und rastlos Umgetrieben, das Meer und alle Stra?en der Erde Kuhn und emsig befahrt und sich des Gewinnes erfreuet, Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum hauft; Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Burger, Der sein vaterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. Nicht verandert sich ihm in jedem Jahre der Boden, Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die Arme Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Bluten gezieret. Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen, Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes. Denn nur wenige Samen vertraut er der nahrenden Erde, Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen; Denn das Nutzliche bleibt allein sein ganzer Gedanke. Glucklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemut gab! Er ernahret uns alle. Und Heil dem Burger des kleinen Stadtchens, welcher landlich Gewerb mit Burgergewerb paart! Auf ihm liegt nicht der Druck, der angstlich den Landmann beschranket; Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Stadter, Die dem Reicheren stets und dem Hoheren, wenig vermogend, Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Madchen. Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemuhen Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wahlet.» Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein, Fuhrend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend. «Vater«, sprach sie,»wie oft gedachten wir, untereinander Schwatzend, des frohlichen Tags, der kommen wurde, wenn kunftig Hermann, seine Braut sich erwahlend, uns endlich erfreute! Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes Madchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwatze. Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel Hergefuhrt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden. Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wahlen? Wunschtest du nicht noch vorhin, er mochte heiter und lebhaft Fur ein Madchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen! Ja, er hat gefuhlt und gewahlt und ist mannlich entschieden. Jenes Madchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet. Gib sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande.» Und es sagte der Sohn:»Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat Rein und sicher gewahlt; Euch ist sie die wurdigste Tochter.» Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf, Nahm das Wort und sprach:»Der Augenblick nur entscheidet Uber das Leben des Menschen und uber sein ganzes Geschicke; Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschlu? nur Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verstand'ge das Rechte. Immer gefahrlicher ist's, beim Wahlen dieses und jenes Nebenher zu bedenken und so das Gefuhl zu verwirren. Rein ist Hermann, ich kenn ihn von Jugend auf, und er streckte Schon als Knabe die Hande nicht aus nach diesem und jenem. Was er begehrte, das war ihm gema?; so hielt er es fest auch. Seid nicht scheu und verwundert, da? nun auf einmal erscheinet, Was Ihr so lange gewunscht. Es hat die Erscheinung furwahr nicht Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget. Denn die Wunsche verhullen uns selbst das Gewunschte; die Gaben Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten. Nun verkennet es nicht, das Madchen, das Eurem geliebten, Guten, verstandigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat. Glucklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht, Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet! Ja, ich seh es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden. Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jungling. Nicht beweglich ist er; ich furchte, versagt Ihr ihm dieses, Gehen die Jahre dahin, die schonsten, in traurigem Leben.» Da versetzte sogleich der Apotheker bedachtig, Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war: «La?t uns auch diesmal doch nur die Mittelstra?e betreten! Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise. Gerne schick ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen, Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen: Und besonders bedarf die Jugend, da? man sie leite. La?t mich also hinaus; ich will es prufen, das Madchen, Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist. Niemand betriegt mich so leicht; ich wei? die Worte zu schatzen.» Da versetzte sogleich der Sohn mit geflugelten Worten: «Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wunsche, Da? der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde; Zwei so treffliche Manner sind unverwerfliche Zeugen. Oh, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Madchen, Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift, Und den Jungling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ranken. Nein; das wilde Geschick des allverderblichen Krieges, Das die Welt zerstort und manches feste Gebaude Schon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben. Streifen nicht herrliche Manner von hoher Geburt nun im Elend? Fursten fliehen vermummt, und Konige leben verbannet. Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste, Aus dem Lande getrieben; ihr eignes Ungluck vergessend, Steht sie anderen bei, ist ohne Hulfe noch hulfreich. Gro? sind Jammer und Not, die uber die Erde sich breiten; Sollte nicht auch ein Gluck aus diesem Ungluck hervorgehn Und ich, im Arme der Braut, der zuverlassigen Gattin, Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?» Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf: «Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelost, die schon dir im Munde Lange Jahre gestockt und nur sich durftig bewegte! Mu? ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist: Da? den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter Allzu gelind begunstigt und jeder Nachbar Partei nimmt, Wenn es uber den Vater nun hergeht oder den Ehmann. Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hulf' es? Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tranen im voraus. Gehet und prufet und bringt in Gottes Namen die Tochter Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Madchen vergessen!» Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebarde: «Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheret, Wie sie der Mann sich wunscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt. Glucklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen. Ja, sie danket mir ewig, da? ich ihr Vater und Mutter Wiedergegeben in Euch, so wie sie verstandige Kinder Wunschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde Gleich und fuhre die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten, Uberlasse die Manner sich selbst und der eigenen Klugheit, Richte, so schwor ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung, Und ich seh es nicht wieder, als bis es mein ist, das Madchen.» Und so ging er hinaus, indessen manches die andern Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen. Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen. Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebi? an, Zog die Riemen sogleich durch die schon versilberten Schnallen Und befestigte dann die langen, breiteren Zugel, Fuhrte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend. Abgemessen knupften sie drauf an die Waage mit saubern Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. Hermann fa?te die Peitsche; dann sa? er und rollt' in den Torweg. Als die Freunde nun gleich die geraumigen Platze genommen, Rollte der Wagen eilig und lie? das Pflaster zurucke, Lie? zuruck die Mauern der Stadt und die reinlichen Turme. So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu, Rasch, und saumete nicht und fuhr bergan wie bergunter. Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Hauser, Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde. Von dem wurdigen Dunkel erhabener Linden umschattet, Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt, War mit Rasen bedeckt ein weiter grunender Anger Vor dem Dorfe, den Bauern und nahen Stadtern ein Lustort. Flach gegraben befand sich unter den Baumen ein Brunnen. Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Banke, Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll, Reinlich, mit niedriger Mauer gefa?t, zu schopfen bequemlich. Hermann aber beschlo?, in diesem Schatten die Pferde Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte: «Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret, Ob das Madchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete. Zwar ich glaub es, und mir erzahlt Ihr nichts Neues und Seltnes; Hatt' ich allein zu tun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin, Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal. Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen; Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr _eine _ vergleichbar. Aber ich geb Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider: Denn der rote Latz erhebt den gewolbeten Busen, Schon geschnurt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet, Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund; Stark sind vielmal die Zopfe um silberne Nadeln gewickelt; Vielgefaltet und blau fangt unter dem Latze der Rock an Und umschlagt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knochel. Doch das will ich Euch sagen und noch mir ausdrucklich erbitten: Redet nicht mit dem Madchen, und la?t nicht merken die Absicht, Sondern befraget die andern und hort, was sie alles erzahlen. Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter, Kehret zu mir dann zuruck, und wir bedenken das Weitre. Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren.» Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu, Wo in Garten und Scheunen und Hausern die Menge von Menschen Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Stra?e dahin stand. Manner versorgten das brullende Vieh und die Pferd' an den Wagen, Wasche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber, Und es ergotzten die Kinder sich platschernd im Wasser des Baches. Also durch die Wagen sich drangend, durch Menschen und Tiere, Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Spaher, Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Madchens erblickten; Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. Starker fanden sie bald das Gedrange. Da war um die Wagen Streit der drohenden Manner, worein sich mischten die Weiber, Schreiend. Da nahte sich schnell mit wurdigen Schritten ein Alter, Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getose, Als er Ruhe gebot, und vaterlich ernst sie bedrohte. «Hat uns«, rief er,»noch nicht das Ungluck also gebandigt, Da? wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmi?t? Unvertraglich furwahr ist der Gluckliche! Werden die Leiden Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern? Gonnet einander den Platz auf fremdem Boden und teilet, Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet!» Also sagte der Mann, und alle schwiegen; vertraglich Ordneten Vieh und Wagen die wieder besanftigten Menschen. Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte, Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte: «Vater, furwahr! wenn das Volk in glucklichen Tagen dahinlebt, Von der Erde sich nahrend, die weit und breit sich auftut Und die erwunschten Gaben in Jahren und Monden erneuert, Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klugste Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander, Und der vernunftigste Mann ist wie ein andrer gehalten: Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort. Aber zerruttet die Not die gewohnlichen Wege des Lebens, Rei?t das Gebaude nieder und wuhlet Garten und Saat um, Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichen Wohnung, Schleppt in die Irre sie fort, durch angstliche Tage und Nachte: Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verstandigste Mann sei, Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens. Sagt mir, Vater, Ihr seid gewi? der Richter von diesen Fluchtigen Mannern, der Ihr sogleich die Gemuter beruhigt? Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der altesten Fuhrer, Die durch Wusten und Irren vertriebene Volker geleitet. Denk ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses.» Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter: «Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten, Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine. Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat, Hat schon Jahre gelebt: so drangen sich alle Geschichten. Denk ich ein wenig zuruck, so scheint mir ein graues Alter Auf dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig. Oh, wir anderen durfen uns wohl mit jenen vergleichen, Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer.» Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu horen verlangte, Sagte behend der Gefahrte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm: «Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gesprach auf das Madchen. Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme Wieder, sobald ich sie finde. «Es nickte der Pfarrer dagegen, Und durch die Hecken und Garten und Scheunen suchte der Spaher. Klio Das Zeitalter Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte, Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben, Sagte der Mann darauf:»Nicht kurz sind unsere Leiden; Denn wir haben das Bittre der samtlichen Jahre getrunken, Schrecklicher, weil auch uns die schonste Hoffnung zerstort ward. Denn wer leugnet es wohl, da? hoch sich das Herz ihm erhoben, Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen, Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob, Als man horte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei, Von der begeisternden Freiheit und von der loblichen Gleichheit! Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sich Aufzulosen das Band, das viele Lander umstrickte, Das der Mu?iggang und der Eigennutz in der Hand hielt. Schauten nicht alle Volker in jenen drangenden Tagen Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente? Waren nicht jener Manner, der ersten Verkunder der Botschaft, Namen den hochsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind? Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache? Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzundet. Drauf begann der Krieg, und die Zuge bewaffneter Franken Ruckten naher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen. Und die brachten sie auch: denn ihnen erhoht war die Seele Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Baume der Freiheit, Jedem das Seine versprechend, und jedem die eigne Regierung. Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter, Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte. So gewannen sie bald, die uberwiegenden Franken, Erst der Manner Geist, mit feurigem munterm Beginnen, Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut. Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedurfenden Krieges; Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne, Lockte die Blicke hinaus in neueroffnete Bahnen. Oh, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Braut'gam Schwinget im Tanze, den Tag der gewunschten Verbindung erwartend! Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Hochste, Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte. Da war jedem die Zunge gelost; es sprachen die Greise, Manner und Junglinge laut voll hohen Sinns und Gefuhles. Aber der Himmel trubte sich bald. Um den Vorteil der Herrschaft Stritt ein verderbtes Geschlecht, unwurdig, das Gute zu schaffen. Sie ermordeten sich und unterdruckten die neuen Nachbarn und Bruder und sandten die eigennutzige Menge. Und es pra?ten bei uns die Obern und raubten im gro?en, Und es raubten und pra?ten bis zu dem Kleinsten die Kleinen; Jeder schien nur besorgt, es bleibe was ubrig fur morgen. Allzu gro? war die Not, und taglich wuchs die Bedruckung; Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages. Da fiel Kummer und Wut auch selbst ein gela?nes Gemut an, Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rachen Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung. Und es wendete sich das Gluck auf die Seite der Deutschen, Und der Franke floh mit eiligen Marschen zurucke. Ach, da fuhlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges! Denn der Sieger ist gro? und gut; zum wenigsten scheint er's, Und er schonet den Mann, den besiegten, als war' er der seine, Wenn er ihm taglich nutzt und mit den Gutern ihm dienet. Aber der Fluchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur den Tod ab Und verzehret nur schnell und ohne Rucksicht die Guter. Dann ist sein Gemut auch erhitzt, und es kehrt die Verzweiflung Aus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen. Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde Begierde Dringt mit Gewalt auf das Weib und macht die Lust zum Entsetzen. Uberall sieht er den Tod und genie?t die letzten Minuten Grausam, freut sich des Bluts und freut sich des heulenden Jammers. Grimmig erhob sich darauf in unsern Mannern die Wut nun, Das Verlorne zu rachen und zu verteid'gen die Reste. Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Fluchtlings Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke. Rastlos nun erklang das Geton der sturmenden Glocke, Und die kunft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rustung Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense. Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung; Uberall raste die Wut und die feige, tuckische Schwache. Mocht' ich den Menschen doch nie in dieser schnoden Verirrung Wieder sehn! Das wutende Tier ist ein besserer Anblick. Sprech' er doch nie von Freiheit, als konn' er sich selber regieren! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, Alles Bose, das tief das Gesetz in die Winkel zurucktrieb.» «Trefflicher Mann!«versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck, «Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten; Habt Ihr doch Boses genug erlitten vorn wusten Beginnen! Wolltet Ihr aber zuruck die traurigen Tage durchschauen, Wurdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet. Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen, Regt die Gefahr es nicht auf, und drangt die Not nicht den Menschen, Da? er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott.» Lachelnd versetzte darauf der alte wurdige Richter. «Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses Man den betrubten Besitzer an Gold und Silber erinnert, Das geschmolzen im Schutt nun uberblieben zerstreut liegt. Wenig ist es furwahr, doch auch das wenige kostlich; Und der Verarmte grabet ihm nach und freut sich des Fundes. Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedachtnis. Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versohnen, Um die Stadt vom Ubel zu retten; ich sah auch der Freunde, Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmogliches wagen; Sah, wie der Jungling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich Wieder verjungte, das Kind sich selbst als Jungling enthullte. Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewohnlich genannt wird, Zeigte sich tapfer und machtig und gegenwartigen Geistes. Und so la?t mich vor allen der schonen Tat noch erwahnen, Die hochherzig ein Madchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau, Die auf dem gro?en Gehoft allein mit den Madchen zuruckblieb; Denn es waren die Manner auch gegen die Fremden gezogen. Da uberfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels, Plundernd, und drangte sogleich sich in die Zimmer der Frauen. Sie erblickten das Bild der schon erwachsenen Jungfrau Und die lieblichen Madchen, noch eher Kinder zu hei?en. Da ergriff sie wilde Begier, sie sturmten gefuhllos Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Madchen. Aber sie ri? dem einen sogleich von der Seite den Sabel, Hieb ihn nieder gewaltig; er sturzt' ihr blutend zu Fu?en. Dann mit mannlichen Streichen befreite sie tapfer die Madchen, Traf noch viere der Rauber; doch die entflohen dem Tode. Dann verschlo? sie den Hof und harrte der Hulfe, bewaffnet.» Als der Geistliche nun das Lob des Madchens vernommen, Stieg die Hoffnung sogleich fur seinen Freund im Gemut auf, Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten? Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde? Aber da trat herbei der Apotheker behende, Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte: «Hab ich doch endlich das Madchen aus vielen hundert gefunden, Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen; Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere horen!» Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter Von den Seinen, die ihn, bedurftig des Rates, verlangten. Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr An die Lucke des Zauns, und jener deutete listig. «Seht Ihr«, sagt' er,»das Madchen? Sie hat die Puppe gewickelt, Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen Kissenuberzug wohl, den ihr Hermann im Bundel gebracht hat. Sie verwendete schnell, furwahr, und gut die Geschenke. Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die ubrigen alle; Denn der rote Latz erhebt den gewolbeten Busen, Schon geschnurt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund, Und die starken Zopfe um silberne Nadeln gewickelt; Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Gro?e Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knochel. Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen, Ob sie gut und tugendhaft sei, ein hausliches Madchen.» Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prufend: «Da? sie den Jungling entzuckt, furwahr, es ist mir kein Wunder, Denn sie halt vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe. Glucklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab! Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling. Jeder nahet sich gern, und jeder mochte verweilen, Wenn die Gefalligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet. Ich versichr' Euch, es ist dem Jungling ein Madchen gefunden, Das ihm die kunftigen Tage des Lebens herrlich erheitert, Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht. So ein vollkommener Korper gewi? verwahrt auch die Seele Rein, und die rustige Jugend verspricht ein gluckliches Alter.» Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich: «Truget doch ofter der Schein! Ich mag dem Au?ern nicht trauen, Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden: ›Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret, Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser, Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.‹ Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun, Denen das Madchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzahlen.» «Auch ich lobe die Vorsicht«, versetzte der Geistliche folgend; «Frein wir doch nicht fur uns! Fur andere frein ist bedenklich.» Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen, Der in seinen Geschaften die Stra?e wieder heraufkam. Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht: «Sagt! wir haben ein Madchen gesehn, das im Garten zunachst hier Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward. Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine. Saget uns, was Ihr wi?t; wir fragen aus loblicher Absicht.» Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat, Sagt' er:»Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzahlte Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet, Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschutzte - Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rustig geboren, Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinri? Uber des Stadtchens Not und seiner Besitzung Gefahren. Auch, mit stillem Gemut, hat sie die Schmerzen ertragen Uber des Brautigams Tod, der, ein edler Jungling, im ersten Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben, Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand; Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkur und Ranke.» Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten, Und der Geistliche zog ein Goldstuck (das Silber des Beutels War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet, Als er die Fluchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn), Und er reicht' es dem Schulzen und sagte:»Teilet den Pfennig Unter die Durftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!» Doch es weigerte sich der Mann und sagte:»Wir haben Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen, Und ich hoffe, wir kehren zuruck, noch eh es verzehrt ist.» Da versetzte der Pfarrer und druckt' ihm das Geld in die Hand ein: «Niemand saume zu geben in diesen Tagen, und niemand Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten! Niemand wei?, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet; Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernahret.» «Ei doch!«sagte darauf der Apotheker geschaftig, «Ware mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben, Gro? wie klein; denn viele gewi? der Euren bedurfen's. Unbeschenkt doch la? ich Euch nicht, damit Ihr den Willen Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zuruckbleibt.» Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war, Offnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen. «Klein ist die Gabe«, setzt' er dazu. Da sagte der Schulthei?. «Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen.» Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster. Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter. «Eilen wir!«sprach der verstandige Mann;»es wartet der Jungling Peinlich. Er hore so schnell als moglich die frohliche Botschaft.» Und sie eilten und kamen und fanden den Jungling gelehnet An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken, Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher, Bis sie kommend ihn riefen und frohliche Zeichen ihm gaben. Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen; Doch sie traten naher hinzu. Da fa?te der Pfarrherr Seine Hand und sprach und nahm dem Gefahrten das Wort weg: «Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues Herz hat richtig gewahlt! Gluck dir und dem Weibe der Jugend! Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen, Da? wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen, Um sie werben und bald nach Hause fuhren die Gute.» Aber der Jungling stand, und ohne Zeichen der Freude Hort' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und trostlich, Seufzete tief und sprach:»Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk, Und wir ziehen vielleicht beschamt und langsam nach Hause; Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen, Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz krankt. Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Madchen uns folgen, Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht? Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genugsam Scheint das Madchen und tatig; und so gehort ihr die Welt an. Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schonheit und Sitte Aufgewachsen, um nie den guten Jungling zu reizen? Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe? Fahret nicht rasch bis hinan; wir mochten zu unsrer Beschamung Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich furchte, Irgendein Jungling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat Eingeschlagen und schon dem Glucklichen Treue versprochen. Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschamet.» Ihn zu trosten, offnete drauf der Pfarrer den Mund schon; Doch es fiel der Gefahrte mit seiner gesprachigen Art ein: «Freilich! so waren wir nicht vorzeiten verlegen gewesen, Da ein jedes Geschaft nach seiner Weise vollbracht ward. Hatten die Eltern die Braut fur ihren Sohn sich ersehen, Ward zuvorderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen; Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze Sonntags etwa nach Tische den wurdigen Burger besuchte, Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvorderst Wechselnd und klug das Gesprach zu lenken und wenden verstehend. Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwahnet, Ruhmlich, und ruhmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war. Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklaren. Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrie?lich. Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer In dem Hause der Erste bei jedem hauslichen Feste; Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar, Da? die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen. Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebrauchen Aus der Mode gekommen, und jeder freit fur sich selber. Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Handen, Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschamt vor dem Madchen!» «Sei es, wie ihm auch sei!«versetzte der Jungling, der kaum auf Alle die Worte gehort und schon sich im stillen entschlossen; «Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren Aus dem Munde des Madchens, zu dem ich das gro?te Vertrauen Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat. Was sie sagt, das ist gut, es ist vernunftig, das wei? ich. Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen; Druck ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschlie?en begehret; Will den Mund noch sehen, von dem ein Ku? und das Ja mich Glucklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstoret. Aber la?t mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet Euch zu Vater und Mutter zuruck, damit sie erfahren, Da? sich der Sohn nicht geirrt, und da? es wert ist das Madchen. Und so la?t mich allein! Den Fu?weg uber den Hugel An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter Geh ich naher nach Hause zuruck. Oh, da? ich die Traute Freudig und schnell heimfuhrte! Vielleicht auch schleich ich alleine Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder.» Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zugel, Der verstandig sie fa?te, die schaumenden Rosse beherrschend, Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Fuhrers besetzte. Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest: «Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemut an; Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret, Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zugel sich anma?t.» Doch du lacheltest drauf, verstandiger Pfarrer, und sagtest: «Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele; Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zugel zu fuhren, Und das Auge geubt, die kunstlichste Wendung zu treffen. Denn wir waren in Stra?burg gewohnt, den Wagen zu lenken, Als ich den jungen Baron dahin begleitete; taglich Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch, Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden, Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.» Halb getrostet bestieg darauf der Nachbar den Wagen, Sa? wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet; Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles. Aber die Wolke des Staubs quoll unter den machtigen Hufen. Lange noch stand der Jungling und sah den Staub sich erheben, Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken. Erato Dorothea Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, fa?te, Dann im dunkeln Gebusch und an der Seite des Felsens Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet, Eilet es vor und glanzt und schwankt in herrlichen Farben: So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Madchens Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen. Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Madchens entgegen. Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es Selber. Den gro?eren Krug und einen kleinern am Henkel Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschaftig zum Brunnen. Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also: «Find ich dich, wackeres Madchen, so bald aufs neue beschaftigt, Hulfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen? Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt, Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnugen? Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten. Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?» Freundlich begru?te sogleich das gute Madchen den Jungling, Sprach:»So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet, Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat; Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich. Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen, Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten. Da? Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen, Hier zu schopfen, wo rein und unablassig der Quell flie?t, Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen Alles Wasser getrubt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern. Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle Troge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt; Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nachste Bedurfnis Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er.» Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mauerchen setzten Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich uber, zu schopfen; Und er fa?te den anderen Krug und beugte sich uber. Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Blaue des Himmels Schwanken und nickten sich zu und gru?ten sich freundlich im Spiegel. «La? mich trinken«, sagte darauf der heitere Jungling; Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich Auf die Gefa?e gelehnt; sie aber sagte zum Freunde: «Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?» Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge, Fuhlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen, War' ihm unmoglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe, Aber hellen Verstand, und gebot verstandig zu reden. Und er fa?te sich schnell, und sagte traulich zum Madchen: «La? mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen? Denn ich lebe begluckt mit beiden liebenden Eltern Denen ich treulich das Haus und die Guter helfe verwalten Als der einzige Sohn, und unsre Geschafte sind vielfach. Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause Flei?ig, die tatige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft. Aber du hast gewi? auch erfahren, wie sehr das Gesinde Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau, Immer sie notigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen. Lange wunschte die Mutter daher sich ein Madchen im Hause, Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hulfe, An der Tochter Statt, der leider fruhe verlornen. Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit, Sah die Starke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder, Als ich die Worte vernahm, die verstandigen, war ich betroffen, Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde Ruhmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen, Was sie wunschen wie ich. — Verzeih mir die stotternde Rede.» «Scheuet Euch nicht«, so sagte sie drauf,»das Weitre zu sprechen; Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden. Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken: Dingen mochtet Ihr mich als Magd fur Vater und Mutter, Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht; Und Ihr glaubet an mir ein tuchtiges Madchen zu finden, Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemute. Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein. Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals. Meine Pflicht ist erfullt, ich habe die Wochnerin wieder Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung; Schon sind die meisten beisammen, die ubrigen werden sich finden. Alle denken gewi?, in kurzen Tagen zur Heimat Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln, Aber ich tausche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen: Denn gelost sind die Bande der Welt; wer knupfet sie wieder Als allein nur die Not, die hochste, die uns bevorsteht! Kann ich im Hause des wurdigen Manns mich, dienend, ernahren Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne; Denn ein wanderndes Madchen ist immer von schwankendem Rufe. Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Kruge den Freunden Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten. Kommt! Ihr musset sie sehen, und mich von ihnen empfangen.» Frohlich horte der Jungling des willigen Madchens Entschlie?ung, Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen. Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen, In sein Haus sie zu fuhren, zu werben um Liebe nur dort erst. Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Madchens; Und so lie? er sie sprechen und horchte flei?ig den Worten. «La?t uns«, fuhr sie nun fort,»zurucke kehren! Die Madchen Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen; Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwatzen.» Also standen sie auf und schauten beide noch einmal In den Brunnen zuruck, und su?es Verlangen ergriff sie. Schweigend nahm sie darauf die beiden Kruge beim Henkel, Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben. Einen Krug verlangt' er von ihr, die Burde zu teilen. «La?t ihn«, sprach sie;»es tragt sich besser die gleichere Last so. Und der Herr, der kunftig befiehlt, er soll mir nicht dienen. Seht mich so ernst nicht an, als ware mein Schicksal bedenklich! Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung! Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehoret. Dienet die Schwester dem Bruder doch fruh, sie dienet den Eltern, Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen fur andre. Wohl ihr, wenn sie daran sich gewohnt, da? kein Weg ihr zu sauer Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, Da? ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dunkt, Da? sie sich ganz vergi?t und leben mag nur in andern! Denn als Mutter, furwahr, bedarf sie der Tugenden alle, Wenn der Saugling die Krankende weckt und Nahrung begehret Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich haufen. Zwanzig Manner verbunden ertrugen nicht diese Beschwerde, Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn.» Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune, Wo die Wochnerin lag, die sie froh mit den Tochtern verlassen, Jenen geretteten Madchen, den schonen Bildern der Unschuld. Beide traten hinein; und von der anderen Seite Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein. Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren; Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte. Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu gru?en, Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen! Auf Dorotheen sprangen sie dann und gru?ten sie freundlich, Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken. Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder, Und die Wochnerin trank mit den Tochtern, so trank auch der Richter. Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; Sauerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen. Da versetzte das Madchen mit ernsten Blicken und sagte: «Freunde, dieses ist wohl das letztemal, da? ich den Krug Euch Fuhre zum Munde, da? ich die Lippen mit Wasser Euch netze: Aber wenn Euch fortan am hei?en Tage der Trunk labt, Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genie?et, Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes, Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet. Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs kunftige Leben. Ungern la? ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern Mehr zur Last als zum Trost, und alle mussen wir endlich Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Ruckkehr versagt ist. Seht, hier steht der Jungling, dem wir die Gaben verdanken, Diese Hulle des Kinds und jene willkommene Speise. Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen, Da? ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern; Und ich schlag es nicht ab; denn uberall dienet das Madchen, Und ihr ware zur Last, bedient im Hause zu ruhen. Also folg ich ihm gern; er scheint ein verstandiger Jungling, Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet. Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet Euch des lebendigen Sauglings, der schon so gesund Euch anblickt. Drucket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln, Oh, so gedenket des Junglings, des guten, der sie uns reichte, Und der kunftig auch mich, die Eure, nahret und kleidet! Und Ihr, trefflicher Mann«, so sprach sie, gewendet zum Richter, «Habet Dank, da? Ihr Vater mir wart in mancherlei Fallen!» Und sie kniete darauf zur guten Wochnerin nieder, Ku?te die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel. Aber du sagtest indes, ehrwurdiger Richter, zu Hermann: «Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zahlen, Die mit tuchtigen Menschen den Haushalt zu fuhren bedacht sind. Denn ich habe wohl oft gesehn, da? man Rinder und Pferde, So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet; Aber den Menschen, der alles erhalt, wenn er tuchtig und gut ist, Und der alles zerstreut und zerstort durch falsches Beginnen, Diesen nimmt man nur so auf Gluck und Zufall ins Haus ein Und bereuet zu spat ein ubereiltes Entschlie?en. Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Madchen erwahlet, Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist. Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt, Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter.» Viele kamen indes, der Wochnerin nahe Verwandte, Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkundend. Alle vernahmen des Madchens Entschlu? und segneten Hermann Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken. Denn so sagte wohl eine zur andern fluchtig ans Ohr hin: «Wenn aus dem Herrn ein Brautigam wird, so ist sie geborgen.» Hermann fa?te darauf sie bei der Hand an und sagte: «La? uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Stadtchen.» Lebhaft gesprachig umarmten darauf Dorotheen die Weiber. Hermann zog sie hinweg; noch viele Gru?e befahl sie. Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen. Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend: «Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte, Als der Storch ihn jungst beim Zuckerbacker vorbeitrug, Und ihr sehet sie bald mit den schon vergoldeten Deuten.» Und so lie?en die Kinder sie los, und Hermann entri? sie Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tuchern. Melpomene Hermann und Dorothea Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhullte, Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit gluhenden Blicken Strahlend uber das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. «Moge das drohende Wetter«, so sagte Hermann,»nicht etwa Schlo?en uns bringen und heftigen Gu?; denn schon ist die Ernte.» Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes, Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte. Und es sagte darauf das Madchen zum leitenden Freunde: «Guter, dem ich zunachst ein freundlich Schicksal verdanke, Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm draut! Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, Denen ich kunftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen, Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat. Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?» Und es versetzte dagegen der gute, verstandige Jungling: «Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Madchen, Da? du zuvorderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest! Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen, Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm, Fruh den Acker und spat und so besorgend den Weinberg. Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wu?t' es zu schatzen; Und so wirst du ihr auch das trefflichste Madchen erscheinen, Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedachtest. Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch. Gutes Madchen, halte mich nicht fur kalt und gefuhllos, Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthulle. Ja, ich schwor es, das erstemal ist's, da? frei mir ein solches Wort die Zunge verla?t, die nicht zu schwatzen gewohnt ist; Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen. Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben, Wunschet au?ere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, Und er wurde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, Der dies wu?te zu nutzen, und wurde dem besseren gram sein.» Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: «Beide zusammen hoff ich furwahr zufriedenzustellen; Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen, Und der au?eren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren fruheren Zeiten Hielten auf Hoflichkeit viel; sie war dem Edlen und Burger Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen. Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewohnlich Auch die Kinder des Morgens mit Handekussen und Knickschen Segenswunsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, Was von Herzen mir geht — ich will es dem Alten erzeigen. Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen, Dir, dem einzigen Sohn und kunftig meinem Gebieter?» Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. Herrlich glanzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; Nacht war's, vollig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nachte. Und es horte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, Der noch heute die Tranen um seine Vertriebne gesehen. Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet, Sagte der liebende Jungling, die Hand des Madchens ergreifend: «La? dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!» Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde Gunstig war; er furchtete, nur ein Nein zu ereilen, Ach, und er fuhlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen. Also sa?en sie still und schweigend nebeneinander. Aber das Madchen begann und sagte:»Wie find ich des Mondes Herrlichen Schein so su?! er ist der Klarheit des Tags gleich. Seh ich doch dort in der Stadt die Hauser deutlich und Hofe, An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zahle die Scheiben.» «Was du siehst«, versetzte darauf der gehaltene Jungling, «Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich fuhre, Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache, Das vielleicht das deine nun wird; wir verandern im Hause. Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genie?en. Aber la? uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten Steigen; denn sieh, es ruckt das schwere Gewitter heruber, Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond.» Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin, Durch das machtige Korn, der nachtlichen Klarheit sich freuend; Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel. Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter, Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang. Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hande; Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, uberblickte der Mond sie, Eh' er, von Wetterwolken umhullt, im Dunkeln das Paar lie?. Sorglich stutzte der Starke das Madchen, das uber ihn herhing; Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, Fehlte tretend, es knackte der Fu?, sie drohte zu fallen. Eilig streckte gewandt der sinnige Jungling den Arm aus, Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter, Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er, Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebandigt, Druckte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. Und so fuhlt' er die herrliche Last, die Warme des Herzens Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet, Trug mit Mannesgefuhl die Heldengro?e des Weibes. Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: «Das bedeutet Verdru?, so sagen bedenkliche Leute Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fu? knackt. Hatt' ich mir doch furwahr ein besseres Zeichen gewunschet! La? uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest.» Urania Aussicht Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begunstigt, Auf dem Wege bisher den trefflichen Jungling geleitet, An die Brust ihm das Madchen noch vor der Verlobung gedruckt habt: Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden, Teilet die Wolken sogleich, die uber ihr Gluck sich heraufziehn! Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet! Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder Schon das Zimmer der Manner, das sorglich erst sie verlassen, Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes; Dann vom Au?enbleiben des Sohns und der Nachte Gefahren; Tadelte lebhaft die Freunde, da?, ohne das Madchen zu sprechen, Ohne zu werben fur ihn, sie so bald sich vom Jungling getrennet. «Mache nicht schlimmer das Ubel!«versetzt' unmutig der Vater; «Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs.» Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen: «Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel Aller Ungeduld ausri?, da? auch kein Faschen zuruckblieb Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen.» «Sagt«, versetzte der Pfarrer,»welch Kunststuck brauchte der Alte?» «Das erzahl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken», Sagte der Nachbar darauf.»Als Knabe stand ich am Sonntag Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend, Die uns sollte hinaus zum Brunnen fuhren der Linden. Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Ture. Meine Hande prickelten mir; ich kratzte die Tische, Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen. Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich Gar zu toricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme, Fuhrte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte: ›Siehst du des Tischlers da druben fur heute geschlossene Werkstatt? Morgen eroffnet er sie; da ruhret sich Hobel und Sage, Und so geht es von fruhe bis Abend die flei?igen Stunden. Aber bedenke dir dies: der Morgen wird kunftig erscheinen, Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden; Und sie tragen das bretterne Haus geschaftig heruber, Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt, Und gar bald ein druckendes Dach zu tragen bestimmt ist.‹ Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen, Sah die Bretter gefugt und die schwarze Farbe bereitet, Sa? geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche. Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung Ungebardig herum, da mu? ich des Sarges gedenken.» Lachelnd sagte der Pfarrer:»Des Todes ruhrendes Bild steht Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drangt es ins Leben zuruck und lehret ihn handeln; Diesem starkt es, zu kunftigem Heil, im Trubsal die Hoffnung; Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen. Zeige man doch dem Jungling des edel reifenden Alters Wert und dem Alter die Jugend, da? beide des ewigen Kreises Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!» Aber die Tur ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich, Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten Uber die Bildung der Braut, des Brautigams Bildung vergleichbar; Ja, es schien die Ture zu klein, die hohen Gestalten Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle. Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten. «Hier ist«, sagt' er,»ein Madchen, so wie Ihr im Hause sie wunschet. Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft, Da? Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch naher zu werden.» Eilig fuhrt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite, Sagte:»Wurdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis Schnell, und loset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre. Denn ich habe das Madchen als meine Braut nicht geworben, Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich furchte, Da? unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat. Aber entschieden sei es sogleich! Nicht langer im Irrtum Soll sie bleiben, wie ich nicht langer den Zweifel ertrage. Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!» Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft. Aber leider getrubt war durch die Rede des Vaters Schon die Seele des Madchens; er hatte die munteren Worte Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen: «Ja, das gefallt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen. Immer die Schonste zum Tanze gefuhrt und endlich die Schonste In sein Haus als Frau sich geholt; das Mutterchen war es. Denn an der Braut, die der Mann sich erwahlt, la?t gleich sich erkennen, Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fuhlt. Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschlie?ung? Denn mich dunket furwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen.» Hermann horte die Worte nur fluchtig; ihm bebten die Glieder Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal. Aber das treffliche Madchen, von solchen spottischen Worten, Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen, Stand, mit fliegender Rote die Wange bis gegen den Nacken Ubergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen, Sprach zu dem Alten darauf, nicht vollig die Schmerzen verbergend: «Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet, Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Burgers; Und ich wei?, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne, Der sich klug mit jedem betragt und gema? den Personen. Aber so scheint es, Ihr fuhlt nicht Mitleid genug mit der Armen, Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist; Denn sonst wurdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen, Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei. Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bundel ins Haus ein, Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewi? macht; Aber ich kenne mich wohl und fuhle das ganze Verhaltnis. Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen, Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurucktreibt?» Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde, Da? er ins Mittel sich schluge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum. Eilig trat der Kluge heran und schaute des Madchens Stillen Verdru? und gehaltenen Schmerz und Tranen im Auge. Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu losen, Sondern vielmehr das bewegte Gemut zu prufen des Madchens. Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten: «Sicher, du uberlegtest nicht wohl, o Madchen des Auslands, Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest, Was es hei?e, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten; Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres, Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort. Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermudenden Wege, Nicht der bittere Schwei? der ewig drangenden Arbeit; Denn mit dem Knechte zugleich bemuht sich der tatige Freie: Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt, Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt, Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzurnet, Mit der Kinder roher und ubermutiger Unart: Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfullen Ungesaumt und rasch, und selbst nicht murrisch zu stocken. Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewohnlicher vorkommt, Als ein Madchen zu plagen, da? wohl ihr ein Jungling gefalle.» Also sprach er. Es fuhlte die treffende Rede das Madchen, Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefuhle Machtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang, Und sie sagte sogleich mit hei? vergossenen Tranen: «Oh, nie wei? der verstandige Mann, der im Schmerz uns zu raten Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt. Ihr seid glucklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden? Doch der Krankende fuhlt auch schmerzlich die leise Beruhrung. Nein, es hulfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelange. Zeige sich gleich, was spater nur tiefere Schmerzen vermehrte Und mich drangte vielleicht in stillverzehrendes Elend. La?t mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben; Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen, Die ich im Ungluck verlie?, fur mich nur das Bessere wahlend. Dies ist mein fester Entschlu?; und ich darf Euch darum nun bekennen, Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hatte verborgen. Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet, Sondern weil mir furwahr im Herzen die Neigung sich regte Gegen den Jungling, der heute mir als ein Erretter erschienen. Denn als er erst auf der Stra?e mich lie?, so war er mir immer In Gedanken geblieben; ich dachte des glucklichen Madchens, Das er vielleicht schon als Braut im Herzen mochte bewahren. Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines Anblicks so sehr, als war' mir der Himmlischen einer erschienen. Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben. Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen) Auf dem Wege hierher, als konnt' ich vielleicht ihn verdienen, Wenn ich wurde des Hauses dereinst unentbehrliche Stutze. Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen. Nun erst fuhl ich, wie weit ein armes Madchen entfernt ist Von dem reicheren Jungling, und wenn sie die Tuchtigste ware. Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet, Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke. Denn das mu?t' ich erwarten, die stillen Wunsche verbergend, Da? er sich brachte zunachst die Braut zum Hause gefuhret; Und wie hatt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen? Glucklich bin ich gewarnt, und glucklich lost das Geheimnis Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Ubel ist heilbar. Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich langer Hier nichts halten, wo ich beschamt und angstlich nur stehe, Frei die Neigung bekennend und jene torichte Hoffnung. Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken, Nicht der rollende Donner (ich hor ihn) soll mich verhindern, Nicht des Regens Gu?, der drau?en gewaltsam herabschlagt, Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde. Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin, Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden. Lebet wohl! ich bleibe nicht langer; es ist nun geschehen.» Also sprach sie, sich rasch zuruck nach der Ture bewegend, Unter dem Arm das Bundelchen noch, das sie brachte, bewahrend. Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Madchen, Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend: «Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tranen? Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte.» Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen, Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrie?lichen Worte: «Also das ist mir zuletzt fur die hochste Nachsicht geworden, Da? mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages! Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tranen der Weiber, Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet, Was mit ein wenig Vernunft sich lie?e gemachlicher schlichten. Mir ist lastig, noch langer dies wunderliche Beginnen Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette.» Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen, Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte: «Vater, eilet nur nicht und zurnt nicht uber das Madchen! Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen, Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat. Redet, wurdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache. Haufet nicht Angst und Verdru?; vollendet lieber das Ganze! Denn ich mochte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren, Wenn Ihr Schadenfreude nur ubt statt herrlicher Weisheit.» Lachelnd versetzte darauf der wurdige Pfarrer und sagte: «Welche Klugheit hatte denn wohl das schone Bekenntnis Dieser Guten entlockt und uns enthullt ihr Gemute? Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden? Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklarung?» Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte: «La? dich die Tranen nicht reun, noch diese fluchtigen Schmerzen; Denn sie vollenden mein Gluck und, wie ich wunsche, das deine. Nicht das treffliche Madchen als Magd, die Fremde, zu dingen, Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben. Aber, ach! mein schuchterner Blick, er konnte die Neigung Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge, Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begru?test. Dich ins Haus nur zu fuhren, es war schon die Halfte des Gluckes. Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!» Und es schaute das Madchen mit tiefer Ruhrung zum Jungling Und vermied nicht Umarmung und Ku?, den Gipfel der Freude, Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung Kunftigen Glucks im Leben, das nun ein unendliches scheinet. Und den ubrigen hatte der Pfarrherr alles erklaret. Aber das Madchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut Neigend und so ihm die Hand, die zuruckgezogene, kussend, Sprach:»Ihr werdet gerecht der Uberraschten verzeihen, Erst die Tranen des Schmerzes und nun die Tranen der Freude. Oh, vergebt mir jenes Gefuhl! vergebt mir auch dieses Und la?t nur mich ins Gluck, das neu mir gegonnte, mich finden! Ja, der erste Verdru?, an dem ich Verworrene schuld war, Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet, Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!» Und der Vater umarmte sie gleich, die Tranen verbergend. Traulich kam die Mutter herbei und ku?te sie herzlich, Schuttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen. Eilig fa?te darauf der gute verstandige Pfarrherr Erst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring (Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten), Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder, Sprach:»Noch einmal sei der goldenen Reifen Bestimmung, Fest ein Band zu knupfen, das vollig gleiche dem alten. Dieser Jungling ist tief von der Liebe zum Madchen durchdrungen Und das Madchen gesteht, da? auch ihr der Jungling erwunscht ist. Also verlob' ich euch hier und segn' euch kunftigen Zeiten, Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugnis des Freundes.» Und es neigte sich gleich mit Segenswunschen der Nachbar. Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nun Steckt' an die Hand des Madchens, erblickt' er den anderen staunend, Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet. Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten: «Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Da? nicht der erste Brautigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!» Aber sie sagte darauf.»Oh, la?t mich dieser Erinnrung Einen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute, Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimat zuruckkam. Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit, Als ihn die Lust, im neuen veranderten Wesen zu wirken, Trieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand. ›Lebe glucklich‹, sagt' er. ›Ich gehe; denn alles bewegt sich Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen. Grundgesetze losen sich auf der festesten Staaten, Und es lost der Besitz sich los vom alten Besitzer, Freund sich los von Freund: so lost sich Liebe von Liebe. Ich verlasse dich hier; und wo ich jemals dich wieder Finde — wer wei? es? Vielleicht sind diese Gesprache die letzten. Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden; Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden. Uns gehort der Boden nicht mehr; es wandern die Schatze; Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen; Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, ruckwarts Losen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten. Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wieder Uber den Trummern der Welt, so sind wir erneute Geschopfe, Umgebildet und frei und unabhangig vom Schicksal. Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat! Aber soll es nicht sein, da? je wir, aus diesen Gefahren Glucklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen, Oh, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken, Da? du mit gleichem Mute zu Gluck und Ungluck bereit seist! Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung, So genie?e mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet! Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar. Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fu? auf; Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes. Heilig sei dir der Tag; doch schatze das Leben nicht hoher Als ein anderes Gut, und alle Guter sind truglich.‹ Also sprach er: und nie erschien der Edle mir wieder. Alles verlor ich indes, und tausendmal dacht' ich der Warnung. Nun auch denk ich des Worts, da schon mir die Liebe das Gluck hier Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschlie?t. Oh, verzeih, mein trefflicher Freund, da? ich, selbst an dem Arm dich Haltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten Schiffer Auch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken.» Also sprach sie und steckte die Ringe nebeneinander. Aber der Brautigam sprach mit edler mannlicher Ruhrung: «Desto fester sei, bei der allgemeinen Erschuttrung, Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern, Fest uns halten und fest der schonen Guter Besitztum. Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der vermehret das Ubel und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Nicht dem Deutschen geziemt es, die furchterliche Bewegung Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin. ›Dies ist unser!‹ so la? uns sagen und so es behaupten! Denn es werden noch stets die entschlossenen Volker gepriesen, Die fur Gott und Gesetz, fur Eltern, Weiber und Kinder Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen. Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals. Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genie?en, Sondern mit Mut und Kraft. Und drohen diesmal die Feinde Oder kunftig, so ruste mich selbst und reiche die Waffen. Wei? ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern, Oh, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen. Und gedachte jeder wie ich, so stunde die Macht auf Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens.» Читайте больше книг на сайте онлайн-библиотеки mir-knigi.org